Photo: Annerose De Cruyenaere

Wie wir beten können

Mai 2020

Im Matthäusevangelium Kapitel 6 erklärt Jesus seinen Jüngern und Jüngerinnen, wie man beten kann. Bevor Jesus es erklärt, stellt er aber voran: „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu.“ Kommt uns das bekannt vor? Ich denke da an Lockdown und homeoffice. Die Wochen Zuhause, allein oder in der Familie, haben wir jeweils unterschiedlich erlebt, ja nach Lebenssituation. Für manche war das Kämmerlein tatsächlich still und meditativ, für manche vielleicht einsam, für andere war es Zuhause turbulent und stressig wie nie zuvor, da die Arbeit und Familie sich in den Privatraum zusammendrängten, oder weil einem bei Videokonferenzen von außen in das stille Kämmerlein geblickt wird.

Jesus gibt den Rat: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern und nicht so viele Worte machen.“ Er warnt uns davor, uns zu überladen mit Worten, oder zu hohe Ansprüche zu stellen beim Beten, er beruhigt uns, das braucht es gar nicht! Mit seiner Zusage: Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“

Mich erinnert das daran, wenn man aus irgendwelchen Gründen durcheinander ist und sich um Kopf und Kragen redet, und dann eine gute Freundin einen wissend lächelnd anschaut und schließlich sagt: „Ich weiss doch, wie es Dir wirklich geht.. und bringt es dann auf den Punkt, wo eigentlich der Schuh drückt. Und man seufzt erleichtert auf und antwortet: Ja, klar. Manchmal kennen die, die einen lieben, eben besser, als man sich selbst kennt.

Jesus spricht: Darum sollt ihr so beten: „Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe. wie im Himmel, so auf Erden.“

So geht es beim Gebet zu allererst einmal gar nicht um uns selbst. Dies ist etwas, was für in den vergangenen Monaten neu erfahren haben: Auf einmal bitten wir viel mehr um das große Ganze, nicht mehr nur um die eigenen privaten Wünsche.

Wir spüren gerade, wie sehr unser eigenes kleines Leben davon abhängt, was insgesamt auf Erden geschieht. Und darum ist es für das eigene Leben so wichtig, darum zu bitten, dass Die Erde mit dem Himmel in Balance kommt, durch die göttliche Liebe.

Jesus spricht weiter:  „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Er formuliert aber auch dies in der Wir-Form: Unser Brot! Nicht "Mein Brot"! 

Auch wenn man für sich allein das Vater Unser betet, im stillen Kämmerlein, betet man es in der Wir-Form. Unser tägliches Brot. Es erinnert uns: Wir alle brauchen es und müssen für einander sorgen. Und auch dies erfahren wir aktuell: Die Existenzkrise unserer nahen und fernen Nachbarn wirkt sich ganz konkret auch auf den eigenen Alltag aus. Wir merken gerade, dass wir mit anderen Menschen vernetzt sind. Wenn wir anderen helfen, helfen wir uns selbst. Es geht nicht nur um mein privates tägliches Auskommen, sondern um unseres.

Die Bitte sagt nicht: Gib uns Brot für alle Zukunft... es sagt: Gib es uns am heutigen Tag. Das ist auch eine Übung in der jetzigen Situation. Wie das Manna in der Wüste. Mehr ist jetzt nicht möglich. Wir sind in einer Lage in der wir einfach nicht über Monate hinweg planen können. Das ist eine Herausforderung. Was können wir da tun? Das Vater-Unser sagt es uns: Täglich neu das Vertrauen formulieren und Leben. Einen Tag nach dem anderen.

„Und Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Bei dem täglichen Brot geht es um die körperliche Existenz. Bei der gegenseitigen Vergebung geht es darum, seelisch, sozial, psychisch, kulturell existieren zu können. Denn wir alle haben wohl erfahren, welche Seelenqual es sein kann, wenn man sich selbst oder einem anderen nicht vergeben kann oder einem nicht vergeben wird. Wie gut es sich dagegen anfühlt, wenn man versöhnt ist mit sich und der Welt, wie leicht und belebt und wohl man sich dann fühlen kann. Gott weiss, was wir bedürfen. Wir brauchen Gottes Liebe. Wir brauchen Existenzgrundlagen. Und wir brauchen Liebe unter den Menschen und Geschöpfen.

Leben und Lieben. Das ist es?

Ja, das ist das Basisgebet der Christenheit!

Was ist mit unseren anderen Sehnsüchten?

Sie gründen darin. Sehnsüchte, die Gottes Liebe entsprechen, die meinen Mitmenschen und mir tägliches Brot bringen können, und die meine Liebe zum Ausdruck bringen können, diese Sehnsüchte stehen unter Gottes Segen.

Sehnsüchte bringen uns zum Beten.  Dies beschreibt Frère Roger, der Gründer der Gemeinschaft von Taizé:

Tief im Menschen liegt die Erwartung einer Gegenwart, das stille Verlangen nach einer Gemeinschaft. Vergessen wir nie: Das schlichte Verlangen nach Gott ist schon der Anfang des Glaubens.

Das Vater-Unser ist ein Gebet, dass uns durchs ganze Leben trägt. Es ist so etwas wie ein Zelt, eine Kirche „to go“, immer dabei.  Das Gebet, in dem wir als Einzelne in der Gemeinschaft, in dem „Wir“ aufgehoben sind, von der Geburt bis zum Tod und darüber hinaus.In den vertrauten Worten.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

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