Die Weite und Tiefe des Betens - lavieannerose

Epheserbrief Kap. 3,14-19

Wie sind Sie heute morgen aufgewacht?

Folgendermaßen hört es sich an, wenn ein verliebter Dichter aufwacht, Rainer Maria Rilke:

Dies ist mein Fenster,

eben bin ich so sanft erwacht,

Ich dachte, ich würde schweben…

Bis wohin reicht mein Leben?

Und wo beginnt die Nacht?

Ich könnte meinen,

alles wäre noch Ich ringsum…

Dann griff der Dichter nach seinem Smartphone auf dem Nachttisch und checkte seine emails und likes

auf Facebook, Instagramm und Twitter und sah sich auf tagesschau.de an, was während der Nacht in der Welt passiert war…

Dies tat er natürlich nicht.

Im Jahr 1908 griff er nicht nach dem Smartphone,

sondern lieber nach dem All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, Sternen und Meeren,

in seiner Phantasie und in seinem Herzen.

Unser Alltagsleben im Jahr 2019 hat hat eine grössere technische Reichweite, und die wird weiter mit jeder Sekunde.

Das Smartphone holt uns die Welt in die Handtasche und Hosentasche. Reisen wird immer leichter, schneller und selbstverständlicher. Immer mehr Menschen pendeln zu ihrer Arbeit mit dem ICE, leben in Fernbeziehungen und reisen an den Wochenenden zwischen einander hin und her.

Man kann miteinander weltweit kommunizieren ,über Ozeane und Zeitzonen hinweg.

Familien versammeln sich per Skype oder WhatsApp, wie in einem gemeinsamen Wohnzimmer, Grosseltern winken über Bildschirm ihren Enkeln zu. Man kann in anderen Enden der Welt einkaufen, ohne die Wohnung zu verlassen. Man kann im Team arbeiten und dabei Tausende Kilometer entfernt von einander sein.Man kann in den Social Media täglich seine eigene Reichweite erhöhenund mehr Follower gewinnen, um die eigenen Projekte oder Produkte zu verkaufen - oder um sich selbst zu präsentieren:

Welt, hier bin ich…

Das ist schön, doch das ist auch ein gewisser Sog, es stresst auch, es scheint niemals genug zu sein,

denn reicht meine Reichweite mir jemals aus?

Oder reicht es mir allmählich?

Man möchte ja nicht nur Reichweite, sondern auch auch Nähe. Man möchte persönlich dabei sein, wenn Enkelkinder aufwachsen. Ich möchte dem geliebten Menschen direkt in die Augen schauen, und nicht nur in die winzige Öffnung der Computerkamera, die es einem unmöglich macht, einander von Pupille zu Pupille zu begegnen, irgendwie schaut man doch immer schräg an einander vorbei.

Ich will ja nicht nur ständig erreichbar sein, sondern wirklich erreicht werden -  wirklich jemanden erreichen.

Ich möchte mit bestimmten wenigen Menschen intensiv und nah und in Ruhe zusammen sein.

So gibt es einen Gegentrend:

Eine Sehnsucht nach Heimat, Traditionen, Familienleben, Landleben, Gartenpflege, Yogastunden. Manche ziehen sich noch extremer zurück.Sie nehmen sich Auszeiten ohne Internet, verbringen Tage oder Wochen in einem Kloster auf Zeit, reisen in die Wildnis oder in die Wüste, wohnen in einer Berghütte.

Stille, Entspannung, Meditation und Gebet sind ein Thema geworden.

Ein Text  Epheserbrief  Kapitel 3, Verse 14-19 (Neues Testament) veranschaulicht so eine Gebetserfahrung. Der Autor erklärt in seinem Brief an die Gemeindemitglieder in Ephesus, was vor sich geht, wenn man sich ganz nach innen kehrt im Gebet:

Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,

welcher Vater ist über alle im Himmel und auf Erden

Dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit

dass ihr durch seinen Geist gestärkt werdet als innere Menschen

und dass durch den Glauben Christus in euren Herzen wohnt

in der Liebe gegründet und eingewurzelt

Damit ihr begreifen könnt, mit allen Heiligen,

welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist

Damit ihr die Liebe Christi erkennen könnt,

die alle Erkenntnis übertrifft

Damit ihr erfüllt werdet mit aller Fülle Gottes.

In der Einkehr erlebt man also die Tiefe, aber nicht nur die, sondern auch die Breite, Länge und Höhe.

Es geht in alle Richtungen zugleich, nach innen und nach aussen, nach oben und nach unten.

Was für eine Reichweite tief in mir drin!

Der Verfasser des Briefes stellt eine interessante Behauptung auf: dass wir begreifen können, mit allen Heiligen, wie breit und lang und hoch und tief die Fülle Gottes ist.

Die Heiligen können uns also helfen!

Das ist einen Versuch wert. Ich wähle die heilige Birgitta aus Schweden.

Sie lebte am schwedischen Hof, war Mystikerin und Gründerin des Birgittenordens. Sie wurde von Papst Johannes Paul II. zur Patronin Europas erhoben. Durch sie wurde die Klosterkirche in Vadstena gegründet, ein bedeutsamer Pilgerort.  Birgitta von Schweden hatte, für eine Frau des 14. Jh., eine ungewöhnliche Weltreichweite. Sie war prominent und kam weit in Europa herum. Dass sie aus adliger Familie stammte mit dem grössten Immobilienbesitz in Schweden war natürlich äussert hilfreich.

Sie pilgerte mit ihrem Mann Ulf zu Fuss nach Santiago de Compostela und nach Rom.Auf Ihren Reisen durch Europa bekam sie die Auswirkungen des hundertjährigen Krieges mit und die angespannte Atmosphäre der drohenden Kirchenspaltung. Sie redete Adligen, Bischöfen und Päpsten ins Gewissen und wirkte kräftig auf die Friedenspolitik in Europa ein.

Würde sie heute leben, könnte man sich gut vorstellen, wie präsent sie in den Medien wäre, reich, berühmt und eine influencerin mit Tiefgang. Denn das Besondere an ihr war:

Ihre Weite ging in die Tiefe.

Während ihrer Reisen begegnete sie Menschen sehr nahe und sah und hörte genau hin

und liess sich von ihren Schicksalen berühren. Nach ihren langen Reisen zog sie sich jahrelang komplett ins Klosterleben zurück. Sie betete innig und ging in ihre Tiefe, um Gott darin zu begegnen.

Dabei erfuhr sie Offenbarungen von Christus, wie auch jene, dass in Vadstena ein Kloster gegründet werden sollte. Ihre Gebete gaben ihr den Mut für ihr Engagement. Sie erkannte im Gebet auch, dass Gottes Fülle nicht etwas ist, was man nur für sich behalten soll.

Es ist eine Fülle, die sich auf  andere ausweiten will. So gründete sie in Rom in ihrem Haus an der Piazza Farnese eine Herberge für Pilger & Pilgerinnen, und sie unterstützte dort Menschen, die in Obdachlosigkeit und Armut lebten.

Im Gebet ist der Ort, wo Weite und Tiefe sich verbinden,

wo Liebe einzieht wie in ein Haus

und Wurzeln schlägt wie ein Baum.

Wir haben ja gerade Himmelfahrt gefeiert.

Was ist daran zu feiern, dass Jesus weit weg in den Himmel steigt?

Zu feiern ist, dass er nun nicht mehr durch Raum und Zeit begrenzt ist, sondern alles ausfüllt.

Denn er ist nicht weiter weg von uns, sondern tiefer drin.

Das ist es, was die ersten Christen und Christinnen erfahren haben, als sie den Heiligen Geist in sich spürten:

Christus ist als Liebe in mir,

und unter uns, und zugleich überall.

Im Lied von Gerhard Tersteegen, „Gott ist gegenwärtig“, wird diese Erfahrung poetisch

ausgedrückt, die Vereinigung von Reichweite und Tiefgang:


Luft die alles füllet

drin wir immer schweben

aller Dinge Grund und Leben

Meer ohn Grund und Ende

Wunder aller Wunder

ich senk mich in dich hinunter

Ich in dir du in mir


Wenn man betet, richtet man sich ja nach aussen und innen

zugleich. Man wird selbst zu einer Resonanzachse

zwischen Höhe und Tiefe, Nähe und Ferne.

Haben Sie Lust, das hier auszuprobieren?

Sie können das beim Abendmahl, das wir gleich feiern werden.

Denn das Abendmahl hat sehr Vieles mit dem Gebet gemeinsam.

Wir stehen vor Gott

Auf der Erde, mitten im Altarraum, der uns mit dem weiten Himmel verbindet.

Das Kreuz als Resonanzachse.

Im Brot und Wein kommt der Himmel uns nah

wenn wir spüren, schmecken, sehen,

was in Gottes Worten stecken mag.

Gott mit uns und mitten unter uns.

Christus will uns nah sein.

Das könnte tief gehen.

Bei sich sein, innehalten, durchatmen,

doch zugleich umgeben von dem Kreis der anderen.

Einander ansehen und an den Händen fassen.

Umgeben vom weiten Kirchenraum.

Und unendlich nah: Das Reich Gottes. Weit werden, die Grenzen ausdehnen

in alle Richtungen pulsieren sich grenzenlos verströmen. In die Breite und Länge und Höhe und Tiefe.

Die Liebe Christi erkennen

die alle Erkenntnis übertrifft.

Amen.

Annerose De Cruyenaere

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