Predigt zwischen den Jahren (Hiob 41,1- 6 und Lukas 2,25-38)


Meine englische Freundin Patricia, die inzwischen 99 Jahre alt ist, erzählte mir eine kleine Begebenheit, die sie auf einer ihrer Reisen erlebt hatte. Es war vor einigen Jahren, zwischen Weihnachten und Silvester, also die Zeit zwischen den Jahren, wie jetzt. Sie kam am Bahnhof in Paris an und hatte einige Stunden Aufenthalt bis zur Abfahrt ihres nächsten Zuges. Was macht eine Engländerin in so einer Situation - it’s time for tea, Tee trinken, in einem schönen Pariser Café.

Sie ging an einen Bahnhofs-Schalter, und da sie so klein und zierlich ist und zudem einen tief tief gebeugten Rücken hat, musste der Mann hinter dem Schalter sich aus seiner Kabine herausbeugen, um sie zu sehen.

Sie sprach: „Entschuldigen Sie, Monsieur, mein Schul-Französisch ist mir ein wenig abhanden gekommen, und ich möchte gerne in einem Café eine Tasse Earl Grey Tee bestellen mit Milch. Könnten Sie mir den Satz bitte in Französisch auf einen Zettel schreiben?“

Er schaute einen Moment lang perplex, denn dies war nicht gerade eine Frage, mit der er gerechnet hatte, doch dann nahm Stift und Zettel und schrieb darauf sehr gross und deutlich: „Je voudrais bien une tasse d’Earl Grey avec du lait, sil vous plait!“

Patricia bedankte sich und ging in kleinen Schritten, aber zielstrebig, in das vornehme Jugendstil-Café des Bahnhofs. Beim Gehen hielt sie das Zettelchen in einer Hand und übte die französische Aussprache ihres Satzes.

Sie erreichte das warme Café, setzte sich seufzend an einen der kleinen runden Tische, versank in einen der Ledersessel, und beugte sich tief herunter in ihre Handtasche und kramte darin herum, Fahrkarte, Portemonnaie, alles da. Nun, aber wo ist der Zettel mit dem französischen Satz?

Sie schaute wieder hoch, so weit es ihr möglich war mit ihrem gebeugten Rücken, und staunte: Auf dem Tischchen vor ihr und stand, wie von Zauberhand, eine dampfende Tasse Earl Grey Tee mit einem Milchkännchen daneben. Wie ist das geschehen? Dann sah sie, dass der Zettel mit dem französischen Satz deutlich lesbar direkt auf dem Tisch lag. Dort hatte sie den Zettel also abgelegt. Sie lachte und dachte bei sich: „Oh, der Kellner musste gedacht haben, ich bin stumm und hätte deshalb den Zettel für ihn sichtbar auf den Tisch gelegt!“

Als sie noch kicherte, sprachen sie zwei Herren vom Nebentisch an: „Entschuldigen Sie, wie haben Sie das gemacht, dass Sie sofort ihren Tee bekamen?“ Wir warten hier schon seit einer halben Stunde! Und man setzte sich zusammen und es ergab sich ein sehr nettes Gespräch.

Dies ist ein kleines Beispiel für gelungene Kommunikation.

Kommunikation ist ein komplexes Gebilde. Worte können Wege von Mensch zu Mensch sein. Aber Worte können auch Barrieren sein. Vielleicht haben Sie schon Situationen erlebt, wo es einfach nicht möglich war, einem anderen etwas von sich zu erklären. Man macht dann immer mehr Worte und verstrickt sich dadurch in endlose Diskussionen. Kommunikation kann gut gehen,  aber es kann dabei auch so gut wie alles schiefgehen.

Dies erlebte Hiob. Nachdem er alles verloren hatte, alle seine Kinder, all sein Hab und Gut, seine Gesundheit, besuchen ihn seine 3 besten Freunde. Am Anfang schweigen sie. Soweit geht noch alles gut. Sie sind einfach bei ihm, sieben Tage und sieben Nächte sagen sie gar nichts. Sie tragen sein Leiden mit ihm. Doch dann beginnen sie zu reden. Nicht, um ihm das zu sagen, was er jetzt braucht. Sondern weil sie das Elend nicht mehr aushalten. Weil es ihnen zu schwer wird, es auf ihren Schultern mitzutragen. Sie schieben Hiob mehr und mehr die Schuld zu, und damit schieben sie den Schmerz von sich weg. Wenn er selbst Schuld ist, dann müssen sie damit nichts mehr zu tun haben. Und können sich selbst beruhigen: Wenn man alles richtig macht, passiert einem so was nich. Ihr Herz hat sich verschlossen, die Kommunikation geht ins Leere, Hiob wird noch verzweifelter.

Unsere Welt ist voller Worte. Deutungen legen sich wie ein Netz über die Dinge und Ereignisse. Text heißt wörtlich: Gewebe. Denken wir an das Wort „Textilien“. Dieses Textgewebe legt sich als zweite Haut über die Wirklichkeit und manchmal so dicht, dass die erste Wirklichkeit darunter verschwindet oder eine andere Gestalt annimmt. Es gibt Textilien, die uns gut kleiden, und solche, die uns entstellen.1 Das Seltsame ist, dass man sich manchmal auch Texte von anderen wie Textilien überstülpen lässt, auch wenn sie einem gar nicht passen. Aber man zieht sich den Schuh trotzdem an. Etwa haltlose Vorwürfe, unnötige Kritik und Abwertungen.

Das Buch Hiob enthält viele Deutungen von Gott, es beleuchtet die Theodizee-Frage von allen Seiten, das heisst: Wie kann Gott das Böse zulassen, wenn er doch allmächtig, weise und gütig ist? Das Hiob-Buch ist in verschiedenen Redaktionen über mehrere Jahrhunderte entstanden, enthält also verschiedene Theologische Blickwinkel, und ist in verschiedenen literarischen Weisen formuliert worden, in Prosa und Poesie.

In den Versen des heutigen Predigttextes geht es um einen Umschwung bei Hiob. Er spricht: „Ich habe unweise geredet, was mir zu hoch ist und was ich nicht verstehe!“ Dies ist sehr selbstkritisch. Denn ist nicht das, was zuvor geschah, das Ringen von Hiob mit Gott, seine Dialoge, seine Gebete, auch Teil der jetzigen Erkenntnis? Muss das wirklich alles auf eimal als unweise abgetan werden? Was könnte gemeint sein mit dieser Selbstkritik?

Vielleicht, dass er Gott mit seinen eigenen Deutungen eingeengt hat, dass Gott viel weiter und größer und unfassbarer ist.

Hiob erläutert weiter: „Ich habe von dir. Gott, nur vom Hörensagen vernommen!“ Das bedeutet vielleicht, er hat theologische Meinungen übernommen und gespürt, dass sie ihm nicht wirklich passen, nicht tief genug greifen.

„Aber nun hat mein Auge dich gesehen!“ Sagt Hiob. In diesem kurzen Satz steckt etwas Grosses: Hiob hat Gott erkannt. Was genau hat er bei dieser Erleuchtung gesehen? Er verrät keine Details. Aber seine Äusserung wirkt sehr klar und eindeutig: „Nun hat mein Auge dich gesehen.“

Dies erinnert an die klare und eindeutige Aussage von dem alten Simeon: „Denn meine Augen haben dein Heil gesehen“, sagte er, als er Maria und Josef mit dem Baby Jesus im Tempel sah, und auch die 84jährige Hanna findet in diesem Anblick die Antwort auf all ihre spirituelle Suche, und erzählt es bis zum Ende ihrer Tage im Tempel. Beide alten Menschen haben in diesem Erlebniss den Frieden ihres Lebens gefunden. (Lukasevangelium 2).

Was haben Simeon und Hanna gesehen?

Das Gesicht des Kindes, und darin das leuchtende Angesicht Gottes. Ich stelle mir dieser Gesichter der hochbetagten Leute vor, wie sie aufstrahlen in diesem Licht des göttlichen Gegenübers.

Liebende Blicke setzen Licht frei. Augenstern. Wie der Glanz in den Augen der Mutter oder des Vaters.

Es ist ein Geheimnis. Unser Wort Geheimnis meint: Das Gesamt dessen, worin wir daheim sind. Die Vorsilbe Ge- meint im Deutschen, das Gesamt, wie etwa Gebirge das Gesamt der Berge ist. Das Ge-Heimnis ist also das Umfassende von Heimat, von Geborgenheit. Geheimnis meint auch, dass wir es nicht fassen können. Wer Gott begreifen will, vergreift sich. Ihn messen zu wollen, wäre vermessen.2 Es ist wie bei der Liebe. Man kann sich nur hingeben, sich loslassen, vertrauen. Dann kann es geschehen, dass ich es erlebe. Ich bin getragen, geborgen, gehalten, in einem größeren Ganzen, in einem Geheimnis.

Dennoch möchte man von dem Geheimnis sprechen. Wie Menschen ja auch nie aufhören, die Liebe zu besingen und Gedichte zu schreiben und Romane und Kunstwerke und Musikstücke, um im Grunde das gleiche immer wieder zu sagen: Ich liebe dich.

Dies ist dann nicht jenes Sprechen, bei dem man nur nachplappert, was man nur vom Hörensagen kennt. Man sucht und ringt mit allen Kräften nach Ausdruck, um weiterzugeben, was man selbst Kostbares gefunden hat.

Im Schluss-Segen unseres Gottesdienstes, dem Aaronitischen Segen aus der Hebräischen Bibel, werden die alten Segensworte vom leuchtenden Angesicht Gottes weitergegeben. Wir werden damit aus der Kirche entsendet, damit wir es als Segen über uns leuchten spüren, in uns selbst spüren, und anderen Menschen das leuchtende Angesicht weitergeben können.

Und wenn man anderen in so einer Liebe begegnet, dann kann man auch gemeinsam von Gott reden, und sich manchmal auch gegenseitig erleuchtende Erfahrungen anvertrauen. In so einem Austausch über Glaubenserfahrung kann man seine Schätze und Erkenntnisse einander mitteilen, ohne sie dem anderen aufzuzwingen.

Diese Art von spirituellen Gesprächen auf gleicher Augenhöhe empfahl auch Martin Luther:

„Jede Stelle der Schrift ist von unendlicher Einsicht; darum was du erkennst, machte nicht hochmütig geltend, bestreite nicht dem anderen seine Einsicht und wehre ihn nicht ab! Denn es sind Zeugnisse, und jener sieht vielleicht, was du nicht siehst. So ist immer voranzuschreiten in der Erkenntnis der Heiligen Schrift.“

Ich rief Patricia gestern Nachmittag an. Sie sass gerade in ihrem Bett im Seniorenheim und trank eine Tasse Earl Grey Tee mit Milch. Ich fragte sie: Hast Du, mit Deinen 99 Jahren an Lebenserfahrung und spiritueller Erfahrung, eine Botschaft, die Du den Gottesdienstbesuchern und Besucherinnen mitgeben möchtest? Sie sagte, ohne zu Zögen: „Oh, yes, please tell them, Trust in the Lord, always, and it will all come.“ Vertraut in den Herrn, immerzu, und es wird sich alles ergeben, entwickeln. Sie habe das ihr Leben lang erfahren.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Dr. Annerose De Cruyenaere,

Predigt in der Sankt Michaeliskirche  Lüneburg am 29.12.2019


1: Vgl. Priester und Lyriker Dr. Andreas Knapp, Art. "Sucht neue Worte, das Wort zu verkündigen", in: euangel, Magazin für missionarische Pastoral, 2017, Bd. 1.

2: ebd.

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