Improvisation? Yes! - lavieannerose

(Diesen Vortrag hielt ich am 14. August 2019 in der St. Nikolaikirche Lüneburg, in der Reihe "Lebensklänge" , gestaltet von Daniel Stickan, Uwe Steinmetz und Pastor Eckhart Oldenburg. Ein Abend mit einem Gast-Musiker/in aus der deutschen Jazz-Szene, diesmal mit Esther Kaiser, und einer theologischen Reflexion, diesmal zum Thema "Improvisation".) 


Liebe Gäste,

Der Dichter Edward Estlin Cummings hatte auf seinem Schreibtisch einen Stapel getippter Briefe liegen und breitete sie vor sich aus. Ablehnungsschreiben von 14 verschiedenen Verlegern.

Manche Absagen waren ausführlich, manche nur knapp in einem Satz, aber alle Briefe sagten das eine: „No, thanks“.

Niemand wollte seine kleine Sammlung von Gedichten veröffentlichen.

Er betrachtete diese Misere und überlegte.

Dann setzte er sich an seine Schreibmaschine und tippte eine Widmung, für diese 14 Verleger.

Wenig später war sein Büchlein auf dem Markt. Er hat es im Selbstverlag veröffentlicht, im Jahr 1935.

Der Titel seines Gedichtbandes: No thanks.

Die Widmung an die Verleger druckte er vorne in die erste Seite. Das Buch ist ungewöhnlich im Design, nicht links gebunden sondern oben. Die Leute fanden es originell, es wurde ein grosser Erfolg.

Das ist Improvisation.

Er stand vor einer Wand des Nein. Doch anstatt seinen Kopf weiter gegen die Wand zu schlagen, stellte er sich der Tatsache, dass da nun mal eine Wand ist, schaute sich um, schaute in sich hinein, und fand eine kleine Tür, durch die er elegant und einfach hindurchgehen konnte.

Er nahm das „No thanks“ auf,

deutete es ironisch um,

und verwandelte es in ein Ja.

In diesem Gedichtband nummeriert Cummings seine Gedichte einfach durch. Besonders interessant finde ich sein Gedicht Nr. 58. Ich lese es gekürzt, in deutscher Übersetzung:

Liebe ist ein Ort

und durch diesen Ort der Liebe bewegen sich alle Orte.

Das Ja ist eine Welt

und in dieser Welt des Ja leben alle Welten. *1

Das Ja ist die Antwort des Dichters darauf, wie man in einer Welt lebt, in der es immer wieder Hindernisse gibt.

Der Jazz-Saxophonist Wayne Shorter sagte in einem Interview über das schwierige kommerzielle Musikbusiness:

Man muss das Hindernis zum Klingen bringen. Damit arbeiten. Es loslassen, so weit wir können. Egal was uns geschieht, da ist Raum für uns.

Und wenn da kein Raum für uns ist, dann schaffen wir uns den Raum.*2

Der Begriff improvisieren kommt vom lateinischen Wort improvidus -

das bedeutet: Das Unerwartete, Unvorhergesehene, Unvermutete, Unvorbereitete.

Das sind Ereignisse, die uns einen Strich durch die Rechnung machen,

die gegen den Plan laufen, durch unsere Mit-Menschen oder durch uns selbst,

durch Naturgewalten oder Katastrophen; verpasste Züge, ausgefallene Flüge, Stolperfallen, Missverständnisse, Versäumnisse, Absagen, Misserfolge, Unfälle, Vergesslichkeit, Gründe….

Man kann zwar planen, und man muss auch planen, aber das Leben kommt nun mal von vorn. Mit der Improvisation kann man auf das Unerwartete reagieren -

indem man selbst unerwartet handelt.

Und dabei nicht nur sich selbst rettet, sondern manchmal auch andere.

Das muss manchmal sehr schnell gehen. Aus dem Stegreif.

Ein Stegreif ist ein Steigbügel, und so bedeutet diese Redewendung: Während jemand schon oder noch auf dem Pferd sitzt, findet er oder sie eine Lösung, ohne lange zu überlegen, ohne abzusteigen.

Der Vollmond heute Nacht erinnert mich an eine dramatische Improvisation - in der Raumfahrtmission Apollo 13.

„Houston, wir haben ein Problem!“

Unter höchstem Zeitdruck musste ein Gerät für die Luftreinigung gebaut werden, weil den Astronauten der Sauerstoff zum Atmen ausging. Sie improvisierten ein Gerät aus Tüten, Klebeband, Flugplänen und einer Socke.

Es rettete ihr Leben, auch wenn sie den Mond dabei verloren.

Auch der Alltag ist voller Improvisation. Manchmal aus der Not heraus, manchmal aus der Lust am Gestalten.

Wenn man ein Haushaltsgerät aus Bordmitteln bastelt oder ein Abendessen mit dem, was noch im Kühlschrank ist, eine Regenrinne aus einem Gummistiefel, einen Grill aus einer Waschmaschinentrommel, Möbel aufmöbelt oder Kleidung umgestaltet.

Die Übergänge von Improvisation und Kunst sind fliessend,

etwa wenn man Tongeschirr klebt und die Risse mit Goldfarbe anmalt. Das hat eine Botschaft. Improvisation ist eine Wertschätzung der Dinge, die man vorfindet.

Sogar aus wertlosen und kaputten Dingen kann man etwas Nützliches und Schönes erschaffen. Wenn man Ja sagt zu dem, was man vorfindet.

Improvisationstheater ist zur Zeit ein wieder ein Trend.

Da geht es darum, das zu nehmen, was kommt.

Aus spontanen Vorgaben, Einwürfen, Stichworten, Situationen.

Das Zugeworfene wie einen Ball aufzunehmen und weiterzuspielen.

Es gibt, bei aller Spontaneität, tatsächlich eine feste Formel im Improvisationstheater, ein Mantra:

Auf die Herausforderung reagiert man nicht mit: „Ja, aber“,

sondern mit: „Ja. Und.

Man stellt damit gleich eine Verbindung her zu dem Zugeworfenen, um in der Energie zu bleiben. Man spielt und spinnt den Impuls weiter:

Ja, und deshalb, und somit, und weil…

So auch in der Improvisation in der Musik, im Tanz, der gestaltenden Künste.

Ja zu der Situation, Hier und Jetzt, Diese innere Haltung setzt jene kreativen Energien frei, die den Raum vibrieren lassen und Resonanz erzeugen.

In der Welt des Ja öffnen sich viele Welten.

In der Improvisation nimmt man auf, was von aussen kommt. Man muss um sich herum schauen, 360 Grad, um etwas zu finden, Material, Anknüpfungspunkte.

Das verbindet man mit dem, was von innen kommt. der eigenen Intuition nachspüren, Erinnerungen aus dem Schatz der eigenen Lebenserfahrung hervorkramen.

Improvisation belebt auch die persönlichen Begegnungen.

Ja zum Anderen sagen, mit den Eigenheiten und Eigentümlichkeiten,

denn die hat man selbst ja auch.

Genau hinschauen, und wertschätzen, was man Gutes entdeckt am Andern.

Und je mehr Vertrauensvorschuss man einander gibt desto tiefer und freier kann man sich begegnen.

Man kann seine Intuition in Worte fassen, ungewöhnliche Fragen stellen, vom anderen überraschende Antworte bekommen.

Seiten vom Gegenüber erfahren, die man überhaupt nicht vermutet hätte.

Im Begriff Improvisieren steckt auch das Wort: Vision

Ich schaue nach Innen, und sehe eine Vision:

Eine Seligpreisung der Improvisierenden.

Ich sehe 4 Menschen,

gemeinsam tragen sie ihren kranken Freund in einem Bett durch die Gegend er ist gelähmt,

er leidet sie ächzen unter der Last, aber sie gehen weiter sie wollen ihn zu Jesus bringen

doch das Haus ist überfüllt mit anderen Menschen

kein Durchkommen zu ihm

Sie steigen aufs Dach, mitsamt dem Bett,

sie decken einfach das Dach ein Stück auf genau über Jesus, dort, wo er gerade predigt,

und lassen das Bett, mitsamt dem kranken Freund darin mit Seilen herunter, Meter für Meter Bis Bett und Freund genau vor Jesu Füssen landen

Was für eine Show.

und Jesus heilt ihn und lobt ihren Glauben.

Ich las dies im Markusevangelium Kap. 2.

Selig sind die Improvisierenden

Ihnen gehört das Himmelreich

denn sie kommen überall hin


Ich sehe vor mir einen wohlhabenden Menschen.

Sie plant eine schöne große Party und lädt Gäste aus der High Society ein.

Alles ist dekoriert, bestellt, bezahlt, vorbereitet, das Buffet aufgetischt, der Champagner kalt gestellt -

doch am Tag der Party folgt eine Absage nach der anderen, die Gäste haben Wichtigeres zu tun, Business, Familienverpflichtungen…

Die Gastgeberin ist wütend, sind all die Vorbereitungen nun umsonst gewesen?

Aber sie hadert nicht lange. Sie schickt ihr Personal raus, um Leute von der Strasse zu holen, die sie alle einlädt, ohne Ausnahme, Menschen mit Problemen, die ihr Zuhause verloren haben, die ausgegrenzt sind, chancenlos, krank…

Ihr Haus wird brechend voll. Von dieser legendären Party wird noch lange gesprochen.

Ich las diese Story im Lukasevangelium Kap. 14.

Selig sind die Improvisierenden

Denn sie werden neue Freunde und Freundinnen finden.


Ich sehe eine Frau in Bethanien

Sie möchte etwas aussprechen etwas, was die Welt verändert

doch sie hat keine Stimme weil die Gesellschaft es ihr verbietet.

Doch was sie hat, ist eine Idee

und eine Flasche aus Alabaster mit köstlichem wertvollen Salböl

Ausserdem hat sie sich selbst, ihren Mut und ihre performance.

Sie durchschreitet den Raum alle Blicke der Männer auf sie gerichtet

Sie tritt zu Jesus und salbt sein Haupt mit Öl

Jesus versteht ihre wortlose Improvisation und er schenkt ihr seine Worte:

„Wahrlich, ich sagte euch, wo dieses Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis was sie getan hat.“

Ich las dies im Matthäusevangelium Kap. 26.

Selig sind die Improvisierenden

denn sie werden im Gedächtnis bleiben.


Wie Frère Roger im Gedächtnis bleibt, der Gründer der Gemeinschaft von Taizé,

Er verstand sein ganzes Leben als Improvisation

Sein Leben endete mit dem völlig Unerwarteten Am 16. August 2005, als er im Abendgottesdienst von hinten mit einem Messer erstochen wurde.

Der Jahrestag jährt sich nun zum 14. Mal.

Hätte es irgendetwas genutzt, wenn er sich gesorgt und ängstlich vorgesorgt hätte in den 90 Jahren seines Lebens?

Er lebte immer in froher Erwartung was das Leben ihm schenkt - in Christus - 

und er improvisierte etwas Wundervolles daraus.

Als tausende von Jugendlichen vor langer Zeit ungefragt auf den Hügel zu strömen begannen, improvisierten die Brüder um sie alle empfangen zu können - bis heute.

Frère Roger fand für seine improvisierte Lebensart ganz eigene poetische Formulierungen:

Der Übergang von einem Provisorium zum anderen Provisorium

Die Dynamik des Vorläufigen

Der Aufbruch ins Ungeahnte

Das Unverhoffte gestalten.

Das Ja zum Leben hilft uns, zu improvisieren

und das Improvisieren hilft uns, Ja zum Leben zu sagen.

So schliesse ich mit einem weiteren Gedichtvers von Cummings:

i thank You God for most this amazing day:

for the leaping greenly spirits of trees and a blue true dream of sky;

and for everything which is natural which is infinite which is yes.

Danke Gott für diesen erstaunlichsten Tag der unendlich ist und der ein Ja ist.

Und so danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit

und wenn ich Amen sage, meine ich:

YES.

Dr. Annerose De Cruyenaere


*1: love is a place & through this place of love move (with brightness of peace) all places yes is a world & in this world of yes live (skilfully curled) all worlds)

*2: „It’s to make that resistance sound. Work with that. Let’s go as far as we can. No matter what happens, there is room for us. If there is no room, we make room.“ Jazz Times, Tom Moon, Sept. 20,1018


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