Der sanfte Mut. Predigt zum Advent.

Es war ein eisig kalter Winterabend im Advent im Jahr 1623 in Königsberg. Ein Vikar, der 33-jährige Georg Weissel, war gerade neu nach Königsberg umgezogen, in seine neue Gemeinde. Er spazierte durch die Stadt und war ganz in Gedanken versunken - an seine Ordination, die in einigen Tagen stattfinden würde, am Adventssonntag.

Seine Predigt war noch nicht fertig. Er wollte etwas schreiben, das die Menschen berührt, gerade in dieser Zeit, denn seit 5 Jahren war Krieg (aus seiner Perspektive jenes Tages im Dezember 1623 konnte er nicht wissen, dass man diesen Krieg im Rückblick den 30jährigen Krieg nennen würde...) Wie könnte er die Menschen trösten? Er würde so gerne er in dieser düsteren kalten Zeit eine Festlichkeit und Wärme in den Gottesdienst bringen, eine Vorfreude auf Weihnachten. 

Er ging eilig durch die Strassen. Er schlug seinen Mantelkragen hoch, hielt seine Mütze fest, denn es wehte ein starker Nordoststrom herüber von der nahen Samlandküste, der viel Schnee mit sich brachte. Er kam in die Nähe des Domes von Königsberg. Die Schneeflocken klatschten den Menschen auf der Strasse gegen das Gesicht, als wollten sie ihnen die Augen zukleben. Er stemmte sich gegen den eisigen Wind und bewegte sich auf den Dom zu, und mit ihm strebten auch viele andere Leute Richtung Dom, um Schutz zu suchen.

An der großen Domtür stand der Küster. Freundlich und humorvoll öffnete er all den ankommenden Menschen die Tür mit einer tiefen Verbeugung und sagte: 'Willkommen im Hause des Herrn!"

Da strahlte der Vikar, denn es ging ihm ein Licht auf. Da ist sie, die zündende Idee für Sonntag! Freudig bedankt er sich bei dem Küster: «Sie haben mir eben eine ausgezeichnete Predigt gehalten!»

Um seine Idee schleunigst zu Papier zu bringen, eilte er im Schneesturm zurück zum Pfarrhaus. Es war bereits dunkel geworden.

An der Haustür befreite er sich schnell von den eiskalten nassen Stiefeln und Mantel, setzte sich an seinen kleinen Holztisch, heizte den Ofen ein, zündete eine Kerze an und und schrieb im flackernden Lichtschein:

"Hier ist jeder in gleicher Weise willkommen, ob Patrizier oder Tagelöhner! Sollen wir nicht hinausgehen auf die Strassen, an die Zäune und alle hereinholen, die kommen wollen? Das Tor des Königs aller Könige steht jedem offen." Er schlug seine Bibel auf, und blätterte in jenen Texten, die dem Advent zugedacht sind.

Er blätterte im Alten Testament. Da war der Psalm 24 : "Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch". Er blätterte weiter zum prophetischen Buch Sacharja 9,9f: :

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und Du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. .... Er wird Frieden gebieten den Völkern..."

In seinem Studium hatte er auch gelernt, dass diese Szene im Neuen Testament im Matthäusevangelium Kap. 21 wieder aufgenommen und zitiert wird - denn Matthäus sah in Jesus die Erfüllung genau jener Prophetie: Jesus zog in Jerusalem ein, auf einer Eselin mit ihrem Füllen, und wurde als Friedensherrscher empfangen und bejubelt. Er verknüpfte sein eigenes Erlebnis mit diesen Adventstexten. 

Fertig war die Predigt. Aber nun war er in seinem kreativen Flow nicht mehr aufzuhalten. Er hatte die Eingebung, ein Lied zu schreiben und komponieren! Er schrieb, mit heissen Wangen, im Schreibrausch, die Worte:

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;

es kommt der Herr der Herrlichkeit,

ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich,

der Heil und Leben mit sich bringt; derhalben jauchzt, mit Freuden singt...

Vers auf Vers fügte sich ein. Es wurde eine lange Nacht.

Im letzten Vers seines Liedes dichtete er: "Komm oh mein Heiland Jesus Christ Meins Herzens Tür dir offen ist."

*

Seine neue Gemeinde liebte dieses Lied sofort. So wurde es ein schöner und sehr adventlicher Gottesdienst, mitten im Krieg.

Dieses Lied ist auch heute noch das berühmteste Adventslied, das Lied Nr. 1 im Gesangbuch, der Beginn des Kirchenjahres, das heute am 1. Advent beginnt.

Und die Geschichte ging noch weiter.

Neben der Kirche wohnte der reiche Geschäftsmann Sturgis. Weil Kriegszeiten waren, hatte er sein Grundstück abgesichert und mit Toren abgeschlossen. Das Problem war allerdings: Genau hinter seinem Grundstück befand sich das Armenheim und Hospiz von Königsberg. Die armen und kranken Menschen und die Pfleger und Pflegerinnen, die dort lebten, konnten nun nicht mehr auf kurzem Wege in die Stadt oder die Kirche gehen. Sie mussten einen weiten Umweg nehmen. Sie waren dadurch abgeschnitten, sie hatten keine Möglichkeit mehr, am Gemeindeleben teilzunehmen.

Am vierten Advent ging der frisch ordinierte Pastor Weissel mit dem Kirchenchor zu Sturgis' Haus. Zahlreiche arme und gebrechliche Leute aus dem Armenhaus hatten sich ihm angeschlossen. Der junge neue Pastor stand nun also vor der Haustür seines reichsten Gemeindegliedes. Er sprach davon, dass viele Menschen dem König aller Könige, dem Kind in der Krippe, die Tore ihres Herzens versperrten, sodass er bei ihnen nicht einziehen könne. Und dann fand er deutliche Worte:

«Heute, lieber Herr Sturgis, steht er vor eurem verriegelten Tor. Ich rate euch, ich flehe euch an bei eurer Seele Seligkeit, öffnet ihm nicht nur dieses sichtbare Tor, sondern auch das Tor eures Herzens und lasst ihn demütig mit Freuden ein, ehe es zu spät ist.»

Dann sang der Chor sein aktuelles Lied: «Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Es kommt der Herr der Herrlichkeit…»

Der Geschäftsmann stand da wie vom Donner gerührt. Noch bevor das Lied verklungen war, griff er in die Tasche und holte den Schlüssel zum Tor heraus. Er sperrte die Pforten wieder auf und sie wurden nie mehr verschlossen. Die Heimbewohner hatten ihren Weg zur Kirche wieder, der im Ort noch lange Zeit «Adventsweg» genannt wurde.

Hier hatten sich eine Menge Herzen weit aufgetan, mitten in der Not und Krise. Eine Vision wurde Wirklichkeit: Christus ist eingezogen in die Herzen, und die Menschen haben einander die Türen und Wege und Zugänge geöffnet. Sie haben sich für einander geöffnet. Der reiche mächtige Herr Sturgis orientierte sich am Vorbild eines Herrschers, der seine Macht für die Machtlosen einsetzt. Der seine Privilegien loslässt, um anderen dienen zu können. Dies ist es, was einen Friedensherrscher ausmacht, so wie er in der prophetischen Vision in Sacharja 9,9 beschrieben ist.

Alle, die dabei waren, haben die Freude gespürt, arme und reiche Menschen, mächtige und machtlose Menschen. Es ist die Freude der Empathie. Dieser Begriff bedeutet ja wortwörtlich: Mitleiden. Aber wenn man mitleiden kann, dann kann man mitfühlen, und sich eben auch mitfreuen.

Auch wir sind in diesem Advent 2020 in einer Krise . Mich ermutigt diese wahre Geschichte, dass Advent in einer Krise sogar noch tiefer verstanden werden kann.

Anders als in dieser Geschichte sind wir nun in der Situation, dass wir Türen tatsächlich wieder abschliessen müssen und wir oft selbst vor verschlossenen Türen stehen, wo nur ein Zettel hängt, "wegen Corona bis auf Weiteres geschlossen". Aber gerade dann wird diese Sache mit der Herzenstür um so bedeutsamer.

In dem 30jährigen Krieg hatten die Menschen nun ständig unter Herrschern zu leiden, kleinen und großen, denen jedes Mitgefühl fern war.

Und damals wie heute hoffen wir auf Friedensherrscher. Auf Mächtige, die nicht die Konflikte anheizen, sondern zwischen den Gruppen vermitteln. Lügen, Manipulation und Gewalt können Herrschern zu Macht verhelfen, aber diese Konstrukte brechen meiner Meinung nach früher oder später wieder in sich zusammen. Sie tragen die eigene Zerstörung in sich. Wo die Liebe fehlt, da fehlt letztendlich die Energie, die alles zusammenhält.

Die Vision von Sacharja ist die Vision eines Herrschers, der Frieden wirkt, weil er Empathie hat mit den Menschen. Weil er für sie sorgt. So formuliert der Pastor in seinem Adventslied: Er ist gerecht, ein Helfer wert; Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit; Gemeint ist Christus. Sanftmütigkeit ist sein Gefährt.

Es ist doch ein schönes Bild, sich mit Sanftmut durch die Welt zu bewegen wie in einem Gefährt. Mit sanftem Mut sind wir gut unterwegs.  Advent ist für mich die Hoffnung und Erwartung, dass sich dieser sanfte Mut durchsetzt. Weil es eine mitreissende Kraft ist, wenn Menschen sich mit einander und vor allem auch für einander freuen können.

Vikarin Dr. Annerose De Cruyenaere St. Johannesgemeinde Ritterhude

Photo: Marcel De Cruyenaere, Advent in in Old Town Orange, California,

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