Das Ja in Christus - lavieannerose

Predigt am 4. Advent in der Sankt Michaeliskirche Lüneburg

22. Dezember 2019

Das Ja ist in Christus geschehen. Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen. (2. Kor. 1,18-20)“

Diese Verse waren mir vorher gar nicht so bekannt. Sie verstecken sich ein bisschen im Brief des Paulus, weil er sie einem Zusammenhang verwendet, in dem er verzweifelt seine Autorität als Apostel verteidigt. Er wird in der Gemeinde von Korinth von vielen hinterfragt. Inmitten der persönlichen Konflikte und Verstrickungen des Paulus entstanden diese Worte über das Ja in Christus.

Der Text besagt: Dieses Ja ist bereits geschehen,

dieses Ja geschieht jetzt,

und wir können selbst mit unserem Ja antworten.

Ich möchte versuchen, diese Botschaft vom Ja-Wort zu öffnen, wie ein Geschenkpaket.

Das Ja ist in Christus bereits geschehen“, also in der Vergangenheit.

Paulus schrieb an die Gemeinde in Korinth auch die Worte:

Gott war in Christus und versöhnte den Kosmos mit sich selbst.“ (2. Kor. 5,19)

Durch Christus sind alle Dinge und wir durch ihn." (1. Kor. 8,6).

Diese Vorstellung, dass Christus schon seit der Schöpfung existiert und an ihr beteiligt war, nennt man die Präexistenz von Christus. Diese kosmologische Dimension von Christus wurde schon in den allerersten christlichen Gemeinschaften in den Liturgien besungen, und wir finden es auch im Johannesprolog: I"m Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos." (Joh. 1,1)

Solche kosmologischen Dimensionen von Raum und Zeit sind mit dem Verstand nur sehr begrenzt zu fassen. Vielleicht haben Sie auch schon mal Filmaufnahmen gesehen, die vom Hubble Telescope gezeigt werden, ich sah neulich den einstündige Dokumentar-Film „Cosmic Journeys“ auf YouTube und kam aus dem Staunen nicht heraus. Bei all den Wundern, die da geschehen, und all dem, was einfach unbegreiflich ist, spüre ich die Weite und das Ja. 

Der Dichter Cummings meint, wenn man Gott überhaupt annähernd umschreiben kann, dann mit dem Wort: Ja! Und zwar mit Ausrufungszeichen, weil so viel Staunen darin ist. Hier einige gemischte Zeilen von Cummings:

Das Ja ist ein angenehmes Land wenn es winterlich ist, meine Liebste“

„Ich danke Dir, Gott, für das Großartige, diesen Tag.

Für die Grünkraft in den Bäumen,

und den blauen wahren Traum des Himmels,

und für alles, was natürlich ist, was unendlich ist, was JA ist.“

„Das Ja ist eine Welt und in dieser Welt des Ja leben alle Welten.

Was bedeutet das Ja in Christus für die Gegenwart des Paulus, und für unsere Gegenwart heute?

Paulus liebt die Formulierung „in Christus“. Er verwendet sie über 164 Mal in seinen Briefen. Er schreibt, wie beim Sein in Christus die Körper der einzelnen Lebewesen zugleich miteinander ein Gesamtorganismus bilden. (1. Kor.12,12-31). Wir gehören demnach tief zusammen, mit den Menschen um uns, den Geschöpfen und dem Kosmos.

Ein Großteil der Gemeindemitglieder in Korinth waren Sklaven und Sklavinnen. Ihr eigener Körper gehörte ihnen nicht, sie wurden als Waren gesehen und behandelt, sie wurden in harter körperlicher Sklavenarbeit ausgebeutet oder dazu gezwungen, ihren Körper zu verkaufen. Und nun hörten sie von Paulus diese Botschaft: „Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich, denn alle seid ihr eins in Christus Jesus“ (Gal. 3,28, vgl. Kol 3,11) „Euer Körper ist ein Tempel Gottes!“ (6,19. vgl. 3,16)

Das bedeutet für die Mächtigen: Die Würde des anderen respektieren. Das bedeutet für die Unterdrückten: Die eigene Würde wieder spüren. Dies ist doch sehr aktuell. Etwa wenn Menschen durch andere  Menschen bedrückt werden, die in irgendeiner Form Macht über sie haben.

Das Nein hat viele Formen, auch subtile, es zeigt sich in Abwertungen, Unterstellungen und mangelnder Wertschätzung.

Das Ja von Gott ist das ein erster Schritt aus der Ohnmacht heraus. Manchmal begegnet einem auch im Alltag ein überraschendes Ja. Wenn einem auf einmal tiefes Verständnis entgegengebracht wird, eine Umarmung im richtigen Moment, ein Ja von Herzen. Da spürt man auf einmal eine neue Energie, die etwas mit Licht und Weite zu tun hat. Das gibt einem neue Kraft.

Das Ja Gottes, das alle und alles verbindet, erlebte auch der Ordenspriester und Schriftsteller Thomas Merton, ganz unvorbereitet und plötzlich, in einer banalen Alltagssituation. An einem Tag an der Ecke der Strassen Forth Street und Walnut Street in Louisville, Kentucky, hatte er eine Epiphanie. Er schreibt darüber:


Ich war plötzlich überwältigt von der Erkenntnis, dass ich all diese Menschen liebte, dass sie mir gehörten und ich ihnen, dass wir einander nicht fremd sein konnten, auch wenn wir tatsächlich völlig Fremde für einander waren. Es war wie ein Aufwachen aus einem Traum von Getrenntheit. Dann war es, als ob ich auf einmal die geheime Schönheit und Tiefe ihrer Herzen sah, wo es weder Sünde noch Begehren gab; der Kern ihrer Realität, jene Person, die sie in Gottes Augen sind. Wenn sie nur sich selbst so sehen könnten, wie sie wirklich sind. Wenn wir nur einander jederzeit so sehen könnten. Es würde keinen Krieg mehr geben, keinen Hass, keine Grausamkeit, keine Gier.


Ein ähnliches Erlebnis hatte die Engländerin Caryll Houselander. Sie war eine Mystikerin, von aussen hätte man es ihr nicht angesehen. Sie rauchte und trank und hatte eine scharfe Zunge und verliebte sich in einen Spion. Während des zweiten Weltkriegs schickten Ärzte in London ihre Patienten zu ihr, die aussichtslosen traumatisierten Fälle. Sie hatte keine Ausbildung, aber sie redete mit ihnen, und viele wurden gesund. Sie beschrieb ihr Erlebnis:


Ich war in einer U-Bahn in London. Vollbesetzt, mit allen möglichen Leuten, zusammengewürfelt, sitzend und stehend, sich an die Haltegriffe klammernd, alle möglichen Arbeiter und Arbeiterinnen, am Ende eines Tages. Plötzlich sah ich in meiner Vorstellung, aber so lebendig wie ein wundervolles Bild, Christus in allen von ihnen. Aber ich sah noch mehr als das. Christus war nicht nur in jedem einzelnen von Ihnen, in ihnen lebend, in ihnen sterbend, sich in ihnen freuend, in ihnen trauernd. Mehr noch: Er war in ihnen, und weil sie hier waren, war die ganze Welt hier, in der U-Bahn. Und auch in allen Menschen, die in der Vergangenheit gelebt haben, und in allen Menschen, die noch kommen werden. Ich ging heraus auf die Strasse, und ging eine lange Zeit durch die Menschenmengen in London, und hier sah ich das gleiche, in jedem Anblick, in jedem, der an mir vorbeiging, überall, Christus.


Wie können wir Ja sagen zu diesem Ja in Christus?

Thomas Merton und Caryll Houselander sagten mit ihrer Lebenspraxis Ja. Sie widmeten sich anderen Menschen, in Gesprächen und in den Büchern, die sie schrieben. Wir können jeden Tag Ja sagen.

Man kann schon den Morgen mit einem Ja begrüßen. Es gibt Momente im Leben, in denen man ein ganz besonderes feierliches Ja spricht. Das Ja-Wort in der Ehe. Das Ja-Wort der Eltern und Paten für ein Taufkind, das eigene Ja zur Taufe bei der Konfirmation. All diese Ja- Worte sind Antwort auf das Ja von Gott. Und es gibt weitere individuelle biographische Momente im Leben, in denen man ein Ja verwirklicht, mit allen Konsequenzen. Solche Momente haben etwas Heiliges.


Maria erlebte das Ja von Gott, als der Engel zu ihr kam. Sie spürte: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Sie antwortet:„Siehe, ich bin des Herrn Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (Lukasevangelium Kap.1) Sie ist glückselig über dieses beidseitige grosse Ja.

Maria sagt Ja in aller Hingabe und Demut, und spürt darin zugleich, dass sie von Gott bejaht ist. Sie betet die Worte, was wir vorhin im Magnificat gemeinsam gesprochen hatten: Er stößt die Gewaltigen von Thron und erhebt die Niedrigen. Sie spürt im Ja Gottes ihre eigene Würde.


Dieses Ja von Gott, und das menschliche Ja von Maria als Antwort, ermöglicht eine unfassbare Sache: Gott wird selbst ein Mensch. Christus, die Liebe Gottes, wird von Maria geboren. Das Ja Gottes als Menschenkind Jesus in der Krippe. Und der Logos wurde Fleisch und wohnte unter uns. Die Weite des Kosmos, nun so nah in der Krippe als kleines Geschöpf.


Die kosmologische Bedeutung dieses irdischen Ereignisses wird auch in der Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium deutlich: Die himmlischen Heerscharen sind beteiligt, und die Menschen vernehmen ihre Worte: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“.

Es waren die mit der Natur am stärksten verbundenen Menschen, die das Christusereignis der Versöhnung Gottes mit dem Kosmos zuerst wahrgenommen haben: Einmal die Hirten bei Bethlehem, zum anderen die Magier aus den alten Kulturen des Ostens, die ein Gefühl für den Kosmos hatten und das Christusereignis kosmisch wahrnahmen.

Das Ja zeigt sich in den Heilungen durch Jesus. Es ist sein Ja, das die Menschen wieder froh und glücklich macht und aufrichtet. Die Menschen, die sein Ja erleben und mit Ja beantworten, finden wieder zurück in die Liebe und die Gemeinschaft und in den Kosmos.


Wo immer nun wir etwas von diesem Ja in die Welt bringen, da geschieht etwas, was mit Weihnachten zu tun hat: Das Ja Gottes kommt in die Welt. Wie wundervoll ist es, dieses Ja in Christus durch Musik aufleuchten zu lassen.


Kantor Henning Voss wird für uns auf der Orgel das Adventslied „Nun komm der Heiden Heiland“ in der Choralbearbeitung von Johann Sebastian Bach vortragen. Die Melodie erfährt darin durch starke Verzierungen eine Art Überhöhung, um das Wunder der Menschwerdung Gottes durch Klang darzustellen.

"Das Ja ist in Christus geschehen.

Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja;

darum sprechen wir auch durch ihn: Amen".


Dr. Annerose De Cruyenaere


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