Augen-Blicke - lavieannerose

Augen-Blicke

Symmetry

Predigt Lukas 18,31-43 Sonntag Estomihi, 23. Februar 2020

Wenn zwei Menschen einander in die Augen blicken

einen Augenblick lang

kann der Blick tief treffen hell wie ein Blitz.

Man blickt heraus aus seinem Seelenfenster

gleichzeitig blickt jemand hinein.

Solche Blicke in die Augen können auch länger anhalten als einen Augenblick

Man kann dabei sogar in eine Feedback-Schleife geraten:

ich sehe in deine Augen

und sehe darin dass Du mich siehst

Du sieht in meine Augen

und siehst darin dass ich dich sehe und so weiter…

Einander in die Augen blicken ist eine über-lebenswichtige Sache.

Ein Baby braucht unbedingt den liebenden Blick

der Mutter, des Vaters, einer Bezugsperson,

um sich selbst als „Ich" zu erfahren.

Augenblicke haben eine Vorgeschichte,

denn irgendetwas muss die Menschen ja dahin geführt haben,

dass ihre Augen sich treffen und finden.

In unserem Predigttext aus dem Lukasevangelium Kapitel 18 gibt es so einen

Augen-Blick, auf den alles hinsteuert:

Der Blickkontakt zwischen Jesus und einem Bettler.


Der Bettler sitzt am Wegesrand bei Jericho. Er ist blind.

Was mag in dem Bettler vorgegangen sein?

Stimmen von pilgernden Menschen lärmen von Weitem,

kommen näher, immer lauter, sie gehen dicht an ihm vorbei.

Er wendet sein Gesicht in ihre Richtung, wo er sie vermutet,

streckt seine Hand bittend aus.

Stimmen entfernen sich, während andere wieder lauter anbranden.

Ab und zu hört er, wie eine Münze in seine Schale geworfen wird.

Aber Niemand spricht mit ihm.


Der Sänger und Gitarrist Allan Taylor hat sich in einem Song eingefühlt

in die Ich-Perspektive eines Bettlers, oder eine Bettlerin*.

Hier meine deutsche Übersetzung:

Ich schlafe in einem Laden-Eingang

Du kannst mich überall sehen

Wie ich meine Hand für Geld ausstrecke

Niemanden scheint es zu interessieren

Sie wollen nichts über meine Geschichte wissen

Das haben sie alles doch schon oft gehört

Ich bin einfach nur ein weiterer Bettler auf der Strasse

der immer nur nach mehr fragt

Mein Körper ist dünn und dreckig

Und ich zittere vor Kälte

Da ist kein Weg, der mich heraus führt

sondern nur noch weiter nach unten

Und ich werde sterben bevor ich alt bin

Kümmere dich nicht drum,

geh einfach weiter oder geh einen anderen Weg, weiche mir aus

Ich bin sowieso nicht mehr in der Stimmung um zu reden

Ich habe auch nichts mehr zu sagen

in dieser brutalen Welt des Wohlstands gibt es die Fülle nur für die Wenigen

Lass mich auf einer grünen weiten Wiese liegen

Lass mich hinaus in die Sterne blicken

Lass mich aufwachen beim Klang von Vogelzwitschern und Gitarrenspiel

Lass mich in den Armen eines lieben Menschen gehalten sein

Dessen Lächeln das Licht der Morgenröte ist

Dann will ich mich endlich in Frieden niederlegen

bis ein neuer Tag geboren wird.


Ähnliche Gedanken könnte auch der blinde Bettler bei Jericho gehabt haben.

Was hätte er zu erzählen in der Ich-Perspektive?

Vielleicht dies:

Ich werde plötzlich aus meinen traurigen Tagträumen gerissen,

denn die Menge der Leute ist aufgeregt und laut,

irgendetwas geschieht hier gerade.

„Was ist denn los?“ Frage ich, immer wieder,

„was ist denn da los?“

Endlich nimmt jemand Notiz von mir, ruft mir zu:

„Jesus von Nazareth wird hier gleich vorbeikommen!“

Mein Herz klopft wild. Jesus - von ihm habe ich gehört.

Er soll nicht einfach an mir vorbeigehen wie all die anderen!

Er soll mich sehen! Es gibt mich! Ich habe eine Stimme!

JESUS DU SOHN DAVIDS; ERBARME DICH MEINER!“

So laut habe ich meine eigene Stimme niemals gehört.

Um mich herum nun Aufruhr, ihre Stimmen klingen bedrohlich:

„Halt den Mund, sei still!“ Sie behandeln mich wie ein unmündiges Kind.

Doch ich halte nicht mehr still: „

DU SOHN DAVIDS, ERBARME DICH MEINER!“

Was für eine laute Stimme ich haben kann!

Noch mehr Aufruhr bei den Leuten.

Mitten in dem Tumult nehme ich eine Stimme wahr:

Bringt ihn zu mir!“

Ob das die Stimme von Jesus ist?

Irgendjemand greift meine Hand, ich stehe auf und gehe mit.

Um mich herum ist es auf einmal ganz still.

Ich spüre: Ja, ich stehe direkt vor Jesus.

Ich fühle die Wärme seines Körpers, seinen Atem auf meinen Wangen.

Er spricht, zu mir allein, nah bei mir.

Was willst Du, was ich dir tun soll?“

„Herr, ich möchte wieder sehen!“

Sei sehend. Dein Glaube hat dir geholfen.“

Die Dunkelheit öffnet sich es wird immer heller und heller und heller.

Ich sehe in sein Gesicht direkt in seine Augen.

Ich sehe nach so langer Blindheit zum ersten Mal wieder,

wie es ist wenn MIR jemand in die Augen schaut.

Ich sehe seine Liebe.

Dieser Augen-Blick machte mich wieder lebendig.

Die Leute um uns herum singen einen Lobgesang,

immer mehr Menschen stimmen ein.

Ich schaue in ihre Gesichter:

Das sind sie also all die Menschen die immer an mir vorbeigingen.

Wie unterschiedlich sie aussehen!

Gross und klein, alt und jung.

Jesus zieht weiter und ich gehe neben ihm selbstverständlich,

denn weil ich sehen kann kann ich nun auch selbst gehen

ohne an der Hand genommen zu werden.

Gehen, wohin ich will, mit Jesus, überall hin.


Auch für Jesus hatte dieser Augen-Blick eine Vorgeschichte.

Er hatte seine Jünger nahe zu sich herbeigeholt,

sie stehen eng beieinander im Kreis.

Er sagt ihnen:

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was

geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn…

Er wird verspottet und misshandelt und angespien werden,

und sie werden ihn geißeln und töten.

Und am dritten Tage wird er auferstehen.

Er schaut sie an doch ihre Blicke weichen ihm aus.

Sie verstehen nichts davon.

Der Sinn seiner Rede ist ihnen verborgen.

Sie begreifen gar nicht, was damit gesagt war.

Werden diese Jünger ihm beistehen wenn es so weit kommt?


Sie gehen gemeinsam weiter.

Je näher sie an Jericho kommen, desto mehr Leute schliessen sich ihnen an.

Ich stelle mir vor:

Manche starren Jesus an hinter seinem Rücken Getuschel:

„Das ist er!“

Die Jünger schirmen ihn ab, damit sie weiter vorankommen.

Leute laufen hinter ihnen her, vor ihnen vorweg.

Sie schauen Jesus an wie eine Sensation, ein Spektakel.

Doch wer er wirklich ist, sehen sie nicht.


„JESUS SOHN DAVID, ERBARME DICH MEINER!“

Was mag Jesus in diesem Moment gedacht haben,

als er diesen lauten Ruf aus der Menge hört?

Vielleicht: „Da ist doch jemand, der ihn erkennt!

Wo kommt die Stimme her, wo ist dieser Mann?“

„SOHN DAVID, ERBARME DICH MEINER!“

Führt ihn zu mir!“  Sagt Jesus.


Da steht er vor ihm. Er ist blind. Er hat ihn trotzdem erkannt.

Jesus spricht ihm zu: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“


Dieser Augenblick:

Zu sehen wie die leeren Augen des Blinden auf einmal sehend werden.

Wie seine Augen Jesus direkt in die Augen sehen.

Und Jesus sieht ihn.

Der Bettler geht mit Jesus hinauf nach Jerusalem,

er wird zu ihm halten,

er wird mit eigenen Augen sehen,

wie Jesus überantwortet wird, verspottet, misshandelt, angespuckt,

gegeißelt und getötet.

Er wird die Auferstehung sehen.


Der Augen-Blick, der Blick ihrer Augen hat sie miteinander verbunden.

Und diese Verbindung bedeutet hier mehr als das optische Sehen.

Es ist das Wahrnehmen, Einfühlen, Mitleiden.

Es ist das Sehen mit dem Herzen. Es ist das Erkennen.

Es ist eine Verbindung, die stark genug ist, Leiden und Trennung zu überstehen.


Die Liebe höret niemals auf

jetzt erkenne ich stückweise

dann aber werde ich erkennen gleichwie ich erkannt bin

dann werden wir sehen von Angesicht zu Angesicht (1. Kor. 13)


Die Augen-Blicke im Leben sind ein Vorgeschmack davon

wie es sich anfühlt

wenn Gott sein Angesicht leuchten lässt über uns.

Amen.

Dr. Annerose De Cruyenaere


*Song: Allan Taylor, „Plenty for the few


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