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Wat mutt dat mutt - oder?

Gedanken zum Buch Kohelet

„Wat mutt datt mutt“.

Das steht so wörtlich nicht in der Bibel, aber ganz ähnlich. Und zwar im Buch Kohelet, was übersetzt heißt: Der Prediger. Dies ist eine Sammlung von Weisheitssprüchen, aufgeschrieben im 2. Jh. vor Christi Geburt.

Dieses Buch hat ein immer wiederkehrendes Motto:

Es ist alles ganz eitel, alles so leer, wie ein Windhauch. Alles vergeht und verweht, nichtig und flüchtig. Alles nur Staub im Wind.

Hilft ja nichts..

Der Verfasser klagt im Kapitel 12  über die Plagen des Älterwerdens - und seine Schilderungen passen irgendwie auch sehr zu den verschärften Umständen des Älter-Seins in Zeiten der Pandemie.

Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen werden, da du sagen wirst: Sie gefallen mir nicht.

Wenn finster werden, die durch die Fenster sehen.

Wenn die Türen an der Gasse sich schliessen.

Wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege.

Denke an deinen Schöpfer ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht  und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt.

Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen wie er gewesen ist und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.“

Ja, alt werden ist nichts für Feiglinge, sagt man, und neben den Gebrechen und Krankheiten kommt dazu noch: Je älter man wird, desto mehr Menschen hat man zu betrauern. Bei Familienfeiern und Vereinstreffen gibt es leere Plätze am Tisch, die Reihen lichten sich.

Und da spricht einem dieser Kohelet vielleicht manchmal aus dem Herzen:

Diese bösen Tage gefallen mir nicht.

Wie schön ist es, wenn man aus dieser Klage über Schmerz und Verlust und Alter auf einmal herausgerissen wird - etwa, wenn sich auf einmal eine kleine Hand emporreckt und meine Hand ergreift und sagt: "Guck mal da!"

Manchmal können gerade junge und alte Menschen einander sehr bereichern.

Dies gilt besonders für die Kombination von Großeltern und Enkelkindern. Die sind ganz besondere Verbündete. „Opa, du bist mein Freund!“ sagt ein kleiner Junge, und er schaut nicht einmal auf, als er diese Worte ausspricht, die seinem Großvater Tränen der Freude über die Wange laufen lassen. Die beiden hocken auf dem Fußboden und schnitzen einen Wanderstab. Bei Opa lernt er so viel, darf mit allem möglichen Werkzeugen umgehen, Opa traut ihm was zu.

Ein 14jähriges Mädchen ist in den Weihnachtsferien bei der Oma - und färbt sich die Haare in hellrosa . Die Oma findet die Haarfarbe zwar nicht optimal und sagt, „die macht dich blass“, bleibt aber gelassen und sagt lachend: „Deine Mama hat in den 80er Jahren auch nicht anders ausgesehen.“

Sie lassen einander aufleben, muntern einander auf oder trösten einander. Denn unter einem Weltschmerz, wie Kohelet es beschreibt, können nicht nur Alte, sondern auch Jugendliche und  Kinder sehr heftig leiden. Gerade in der Zeit von Corona haben sich die depressiven Phasen bei den jungen Menschen verstärkt. Verstärkt noch durch das Lebensgefühl, dass unser Planet immer mehr zerstört wird.

Gerade Großeltern hören oft genau hin, was die Enkelkinder bewegt, und lassen sich genau erzählen, warum sie protestieren. Und Großeltern haben so viele Krisen erlebt und überlebt, dass sie einem Enkelkind auch durch deren düstere Gedanken helfen können.

Was nicht hilft, ist nur zu sagen:

"Wat mutt dat Mutt."

Und schon gar nicht hilft, wenn man wie Kohelet sagt:

"Geht ja sowieso alles zu Ende."

Der Autor Kohelet kann uns doch nicht einfach so hängen lassen in diesem Weltschmerz. Ich blättere etwas zurück in seinem Buch. So schreibt Kohelet:

So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut.

Lasse deine Kleider immer weiß sein und lass deinem Haupte Salbe nicht mangeln.

Geniesse das Leben.“

Seine Lösung klingt sehr modern, es ist ja das vielzitierte Carpe Diem: Pflücke den Tag, was bedeutet: Gerade weil das Leben vergänglich ist, sollte man das Leben geniessen und feiern. Das finde ich wundervoll.

Aber es reicht mir nicht.

Da ist Sehnsucht nach etwas, das mehr ist, oder tiefer, oder anders, etwas, was heilig ist.

Das, wovon wir glauben, dass es niemals zu Staub wird.

Das, was bleibt. Was bleibt, stiften die Liebenden, schrieb Paulus.

Und: Das Reich Gottes ist mitten unter uns, sagte Jesus.

Man denkt beim Heiligen vielleicht an riesige Kathedralen, das ganz Erhabene. Ja, so zeigt sich das Heilige wohl - aber es zeigt sich nicht nur, wenn man in den Himmel sieht, sondern auch, wenn man auf die Erde schaut, herunter auf den Erdboden.

Jesus hat das Reich Gottes mit einem Samenkorn verglichen.

Das Heilige ist wie der hellgrüne Halm, des aus der Erde wieder herauskommt, aus dem Staub. Symbol für Hoffnung, Leben, Natur, Schöpfung, für das Wachsen des Reiches Gottes. Ich liebe das ganz helle Grün, das Grün der kleinen Sprossen an den Tannen oder der Weizenhalme aus der Erde.

Die benediktinische Äbtissin Hildegard von Bingen prägte im 12. Jh. den Begriff „Grünkraft“; lateinisch „Viriditas“, es bezeichnet die Grundkraft, die der gesamten Natur innewohnt. Diese Grünkraft ist nach der Ansicht von Hildegard die Grundlage einer Heilung.

Es ist nicht alles "Dust in the wind".  Der Wüstenwind trägt kleine Samenkörner weiter, die wieder aufkeimen. Die Botschaft der Auferstehung. Wie das am Ende geschehen soll? Ich weiss es nicht.

Doch ich möchte die täglichen Auferstehungen wahrnehmen und feiern - immer dann, wenn Lebensenergie und Liebesenergie sich wieder ihren Weg bahnt.

Annerose De Cruyenaere


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