Herbst-Äquinoktium - lavieannerose

Heute am 22. September 2017 sind der Tag und die Nacht gleich lang, an diesem

Herbst Äquinoktium (von lateinisch aequus ‚gleich‘ und nox ‚Nacht‘). Im Kalender

beginnt damit der Herbst.


Das klingt undramatisch, es ist ein Moment der Balance.


Es ist nicht der "Hype" der  Solstice-Feste, d.h. von Mittsommernacht und

Mitt-Winternacht, wo im Sommer sie Sonne/das Tageslicht bzw. im Winter der

Mond/die Dunkelheit ihren absoluten Höhepunkt erreichen. Während der Solstice

kann der Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht grösser  sein, aber es ist

zugleich der Wendepunkt, denn Licht und Dunkelheit bewegen sich danach wieder

aufeinander zu und gleichen sich an, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Sie entfernten

sich von einander in dem Wissen, dass sie sich einander wieder nähern werden.

Alles zu seiner Zeit.


Und heute, beim Äquinoktium, sind sich Tag und Nacht so nah und gleich, wie sie

sich nur sein können.

Foto: Marcel H. DeCruyenaere

Wenn Sonne und Mond miteinander in Unfrieden wären, sich nicht koordinieren

könnten, oder nicht einmal miteinander Tanzen würden, sich nicht auf einander

beziehen würden, wäre kein Leben möglich.

Die Sonne wärmt uns, bringt Fruchtbarkeit und Lebensenergie.

Der Mond lenkt alles, in stiller Weise, die Meere, das Wasser, unseren Körper, der

weitgehend aus Wasser besteht.

Und auch wenn Sonne und Mond sehr unterschiedlich sind, brauchen sie einander.

Wenn eine/r von ihnen sagen würde: "Nur ich, ohne dich, ich kann nicht ertragen,

dass Du nicht genauso bist wie ich… " - das würde nicht lange gutgehen. Nicht mal

einen Tag oder eine Nacht lang. Ohne Dialog kein Leben. Dies brachte der Theologe

Martin Buber auf den Punkt, der alles Leben als Dialog erkennt, und darin verwoben 

die Gottesbeziehung.

Photo: ©1984 Annerose DeCruyenaere

Heute im Herbst-Äquinoktium, in der Tag und Nachtgleiche ist dieser Dialog für

einen Moment lang ganz ausgeglichen miteinander, Yin und Yang.

Ein Grund, zum Feiern. In eher stiller Weise, ein Innehalten.

Es ist wie in einer Paarbeziehung, Familienbeziehung oder Freundschaft, wo auf

einmal eine ausgeglichene Begegnung geschieht. Es ist wie ein Moment, in dem

zwei Menschen still beieinander sitzen in Dankbarkeit, sich in die Augen sehen auf

gleicher Augenhöhe. In dem Wissen, ja, der Tanz geht weiter, es kann wieder

turbulent werden, so ist das Leben, irgendwas ist immer… aber wir wissen beide,

dass es diese Momente des völligen Friedens zwischen und gibt, die Balance, die

Gleich-Berechtigung, das tiefe Wissen, dass wir sowieso eins sind. Wir können

einander nicht verlieren in den dynamischen Stürmen des Lebens.

Foto: Annerose DeCruyenaere

Immer mehr Menschen interessieren sich für Feste des Jahreskreises. Denn der

Naturrhythmus bietet unserem Leben einen Rhythmus, der uns gut tut, wenn wir uns

damit synchronisieren. Auch das Kirchenjahr mit seinen traditionellen Festen ist tief

in diesem Naturrhythmus verwoben. Wie kann man sich mit dieser Choreographie

der Natur synchronisieren? Ganz einfach: Sich bewusst sein, was gerade eigentlich

los ist, da  DRAUSSEN, Himmel und Erde, ob der Mond gerade zunimmt oder

abnimmt, wann die Sonne aufgeht und untergeht, und wo wir gerade sind auf dem

Jahres-Rad der Natur. Mit diesem Bewusstsein entwickeln sich Rituale fast von

selbst. Je nach eigener Vorliebe. Für manche ist es der Kaffee in Ruhe mit Blick aus

dem Fenster bei Sonnenaufgang, und ob man dann dabei Salbeibüschel räuchert

um der Sonne zu danken, ist eine Frage des eigenen Stils und Kultur.

Die Möglichkeiten sind unerschöpflich, wir können alle Sinne mit einbeziehen, mit

Düften, oder mit Kochkunst - (der Spargel im Mai, Kürbis mit Zimt und Kardamom im

Herbst… ), mit Dekoration im Haus und Garten. Mit Gestaltung einer

Meditationsecke, oder einer Art Hausaltar. Mit Ritualen in der Natur, allein oder in

Gemeinschaft, und auch hier kann man mal ins Gemeindeblatt schauen, man

che Kirchengemeinden haben einen Sinn dafür, Jahresfeste im kirchlichen Raum zu

gestalten.


Photo: Marcel H. DeCruyenaere

Und in der Herbst-Äquinoktium kann man Balance auf vielen Ebenen reflektieren:

Bewusstes und Unbewusstes, Aktives und Passives, Das Sichtbare und das

Unsichtbare, Materielles und  Spirituelles, Tod und Wiedergeburt,  Männliches und

Weibliches, Glück und Unglück, Jugend und Alter. Eines kann oder das Andere nicht

existieren. Existenz ist immer Dialog.

In der Balance zu Herbst-Equinox ist auch schon wieder ein Wendepunkt, wie im

täglichen Leben, die Balance-Momente, wo sozusagen die Zeit stehen bleibt, sind

nicht ewig, das Rad dreht sich wieder weiter. Aber der Balance-Moment gibt mir das

Bewusstsein, dass im wilden Tanz des Lebens die Bezogenheit aufeinander

bestehen bleibt. Die Momente der völligen Balance sind selten, meistens dominiert

die eine oder andere Seite, aber solange beide Seiten wissen, dass sie einander

brauchen, so lange der Dialog besteht, ist Existenz möglich.

Ronja's Sonnenenergie

Denn nach der Herbst-Equinox übernimmt die Nacht wieder die Dominanz über den

Tag, der Mond über die Sonne. Die Sonne nimmt sich zurück, macht sich rar, wie

wird milder, und das Sonnenlicht im Herbst wird schöner, entwickelt mehr Nuancen,

statt der prallen Helligkeit nun pastell-Töne in Rosé und Orange.

Aber sie ist da, die Sonne, und wird noch mehr geschätzt als sonst, die wenigen

Sonnenstunden, Menschen halten ihr Gesicht ins wärmende Sonnenlicht, wie

Katzen, welche instinktiv sich im Winter die warmen Plätze der Sonnenstrahlen

suchen.

Soup in the Medieval camp, Rastede, Germany.

Photo: Marcel H. DeCruyenaere

Mit der Herbst-Äquinoktium  beginnt die Phase des Jahres, wo sich die Energie

mehr im Inneren sammelt als im Äusseren. Es ist eine Zeit, wo man die Ereignisse

des Sommers reflektieren kann, das Reisen des Sommers hat inspiriert, und nun

ist die Zeit, diese Inspiration zu verinnerlichen. Es ist eine Vorbereitung auf den

Winter. Einerseits mit der Ernte der konkreten Erde, aber zugleich mit der Ernte der

Ereignisse des Sommers. Nach viel "Action" steht es an, etwas daraus zu

gestalten. Vielleicht parallel zum Kochen eines herzhaften Eintopfs, oder beim

“Einmachen” von Marmelade und Chutney. Nun ist es Zeit, die hochfliegenden

Träume des grossen Sommers zu sortieren: Welche Träume lassen sich tatsächlich

umsetzen, ganz konkret? Es liegt an mir, ein schönes Süppchen daraus zu kochen!

Und wenn man sich Zeit nimmt für sich selbst, entdeckt man innere Ressourcen.

Es ist wie das Kräftesammeln und Wachsen im Mutterleib vor der Geburt, Zeit der

Inkubation.

Natürlich kann man die Zeit nicht zurückdrehen und nicht in den Mutterleib

zurückkehren, oder in die Geborgenheit der Kindheit, und das ganze Leben lang

erfahren wir ja "Abnabelungen", der Tod der Eltern, Verlust von Heimat. Die Rückkehr

ist unmöglich, auch wenn man sich oft dagegen sträubt, dies zu realisieren.

Aber es gibt dennoch einen Urgrund, dies glaube ich. Wie ein “Mutterleib” ein

mystischer Bereich in jedem Menschen, der göttliche Ursprung. Es ist das

Unerklärliche, dass  alle Lebewesen und Planeten beheimatet  und dass bewirkt,

dass wir miteinander  im Dialog sind und tanzen, in Tod und  Neugeburt.

Um diese mystische  Ebene zu erfahren, muss man mal  kurz anhalten. Nach innen

schauen.

Dazu lädt der Herbst ein. Und das Herbst-Äquinoktium ist die Eingangtür.


Annerose DeCruyenaere