Das vielsinnige Schweigen - lavieannerose
Sonnenhof Haus der Stille

Photos von Annerose De Cruyenaere ©2014 & 2018

In der dunkelblauen Morgendämmerung lasse ich das Kloster hinter mir, den Sonnenhof, das Haus der Stille, und gehe steil bergab den Hügel hinab ins Tal, die 6-Uhr-Kirchenglocken von Gelterkinden läuteten mir entgegen. Die Ziegen grüssen mich ein letzten Mal, der Hund vom Nachbar-Bauernhof bellt mich aus, was ein Hund auch tun muss, wenn eine Gestalt im Dunkeln mit Rollkoffer herunterrattert. Die Vögel zwitschern vorösterlich.

Ich schaue mich noch einmal um, das alte Haus hinter mir, wie ein kleines Sanatorium, oben auf dem Berg, und dort würden die gleichen Rituale der Mahlzeiten im Schweigen und Gebete mit Psalmengesängen zu den gleichen Uhrzeiten weitergehen.

Und nach 5 Wochen Schweigen ging ich nun zurück in die Kommunikation. (Halleluja!)

Das Schweigen weckte mir bei mir die Sehnsucht nach Worten - nach guten und sinnvollen Worten, die Verständigung ermöglichen. Und wie das Schweigen meine Sehnsucht nach Worten weckte, so die Schlichtheit des Klosters meine Sehnsucht nach Glanz  und Buntheit. Aus Mangel an optischen Aussenreizen nahm ich den Mondschein, den Sonnenaufgang, erste Frühlingsblumen, die neugierigen Augen einer Ziege, das weiche Fell des Hundes, den mystischen Dampf aus der Teetasse im Morgenlicht, viel intensiver wahr.

Das Schweigen, so zwiespältig wie ich es erfahren habe, regte doch auch sehr viele Gedanken an über das weite Thema "Sprache". Nach dieser Erfahrung geniesse ich das Reden und Zuhören noch intensiver als zuvor.

Der Sonnenhof hat eine  kleine Bibliothek, wo ich Bücher, besonders aus den 50er bis 80gern fand, viele von denen "alte gute Bekannte", vertraut aus den Bücherregalen evangelischer Pfarrhäuser.

Eine Wiederentdeckung war für mich Albrecht Goes, und bei ihm fand ich inspirierende Worte über das Schweigen.

"Wofür also lebt das Gespräch? Dafür, daß die tausendsinnige Finsternis des Schweigens ende.... Das Schweigen der Menschen hat den Charakter der Pause, der musikalischen Pause. Das heißt: Das Schweigen klingt - wie Pausen klingen - weil es endet. Endloses Schweigen, unabsehbares Schweigen klingt nicht, oder - wenn das Bild gewechselt werden darf - leuchtet nicht, ist dumpf, ist in seinen tausend Deutungsmöglichkeiten nicht tiefes, farbiges Meer, sondern grundloses Moor. Wir wissen um das Verstörende, das aus vielem Schweigen brechen kann; und so vieldeutig auch das Wort sein mag, das dieses Schweigen endet, das allein ist schon Quell in der Wüste und Gruss des Lebens .... Schweigen, sagten wir, ist schön um des Gespräches willen. Das Gespräch, so können wir fortfahren, das nicht in sich ein Schweigen kennen würde, wäre nicht schön... Jenes Schweigen, das noch dem Ticken der Uhr Raum vergönnt und dem tieferen Ticken des Herzens, jenes Schweigen, dessen einer und tausendster Sinn immer auch Liebe sein kann, namenlose Liebe."

(Albrecht Goes, Von Mensch zu Mensch. Bemühungen. Fischer-Verlag 1967, S.28f.)

Annerose De Cruyenaere




Powered by SmugMug Log In