Moon Dogs - lavieannerose

Ein Essay über den Film "Moon Dogs"

Von Annerose DeCruyenaere

Photo : Trailer Moon Dogs

Newport Beach, Kalifornien, 5.Mai 2017

Es gibt diese perfekten magischen Momente im Leben, manchmal nur wenige Sekunden lang, wenn auf unerklärliche Weise viele Faktoren sich zusammenfügen, als sei dies das Leichteste von der Welt.

Etwa, wenn der Mond voll genug ist und niedrig genug am Himmel steht, die Winternacht kalt genug ist, der Halo des Mondes auf 22 Grad steht, wenn all dieses zusammenkommt, KANN es geschehen, dass Eiskristalle das Mondlicht brechen und rechts und links vom Mond aufleuchten wie zwei zusätzliche kleine Monde.

Dieses Phänomen wird Paraselene genannt, oder poetischer: Moon Dogs.

Die Irin Caitlin (Tara Lee), der Waliser Michael (Jack Parry-Jones) und der Schotte/Shetlander Thor (Christy O’Donnell) erleben diesen perfekten Moment gemeinsam, und es ist klar, wer hier die Mondgöttin ist und wer die beiden Mondhunde.


Zwei ungleiche Stiefbrüder und eine geheimnisvolle Frau, eine Geschichte so alt wie die Welt - doch in “Moon Dogs” auf so eine wilde, freie und echte Weise erzählt, dass die Jury diesen Film unter mehreren Hunderten als “Best Film” des Newport Beach Filmfestival 2017 ausgezeichnet hat, und den Hauptdarsteller Jack Parry-Jones als “Best Actor”.

Photo : Annerose DeCruyenaere, Newport Beach Film Festival April 2017

Die unterschiedlichen Stiefbrüder

Ein einsames Haus in der unendlichen Weite von Shetland. Hier lebt Thor mit seinem Vater Maurice - die Mutter hatte die Familie in der Kindheit von Thor verlassen. Eingezogen ist die zweite Frau, Anne aus Wales,  mit ihrem Sohn Michael. Die beiden gleichaltrigen Stiefbrüder haben einander nicht ausgesucht und arrangieren sich mehr schlecht als recht miteinander.

Jack Parry-Jones. Photo : Trailer Moon Dogs

Michael (Jack Parry-Jones) hat keinen Plan und keine Vision seiner eigenen Potentiale. Er fühlt sich verloren und wirkt etwas unentspannt. Er weiss nur den nächsten Schritt: Die Abschlussprüfung der Schule, und dann nach Glasgow zum Studium, zusammen mit der Freundin Suzy (Kate Bracken).

Leider kippt er während der Abschlussprüfung vom Stuhl (woran Thor nicht ganz unschuldig ist) und muss ein weiteres Jahr auf den Shetlands bleiben, während seine Freundin ohne ihn nach Glasgow zieht und sich dort offensichtlich auch ohne ihn sehr wohl fühlt.

Christy O'Donnell. Photo: Trailer Moon Dogs

Thor (Christy O' Donnell) hingegen hat eine klare Vision und ist darin sehr ambitioniert. Er ist genialer Musiker, in in extrem introvertierter Weise darauf fokussiert, sein eigenes Ding zu machen. Er komponiert psychedelische Folk/Punk Musik und möchte damit endlich Anerkennung vor Publikum finden.

Doch im Pub wird seine experimentelle Musik etwa 5 Sekunden lang geduldet, bevor die Gruppe “Fiddle Up” wieder übernimmt.

Auch der Vater Maurice hat einen Lebenswunsch: Er möchte so wahnsinnig gerne, dass sein Sohn Thor als Wikinger gewandet mit bei dem kultischen Wikinger-Festival “Up Helly Aa” an seiner Seite mit zelebriert, so ein Vater und Sohn- Ding.  Vor allem möchte er endlich Zugang zu seinem verschlossenen Sohn bekommen. Doch mit diesem Wunsch prallt er an Thor ab wie an einer Rüstung. 

Und die Mutter  Anne - möchte diese Familie mit den so unterschiedlichen Männern harmonisch zusammenhalten und mahnt alle zur Geduld ...

So stecken die Männer in Shetland fest. Thor muckelt weiter in seinem Jugendzimmer/Soundstudio herum, Michael wird von der Mama zum Jobben in einer Fischfabrik gezwungen, und der Vater steht depressiv in seiner Wikingerrüstung herum.

Michael hat bald die Nase voll davon, stinkende Fischköpfe abzuschneiden und von seiner Freundin beim Skypen stehengelassen zu werden.

Es kommt zu einer überraschenden Koalition der ungleichen Brüder: Beide wollen nach Glasgow, aus je eigenen Motiven, unterschiedlich und dennoch ähnlich:

Michael möchte seine Freundin an seine Existenz erinnern und Thor möchte  seine leibliche Mutter an seine Existenz erinnern!

Photo : Trailer Moon Dogs


Die beiden haben einen ebenso kühnen wie wenig durchdachten Plan: Um an eine Gage als Reisegeld heranzukommen, crashen sie als Band eine Hochzeitsgesellschaft.

Das Desaster ist zum Greifen nah, aber da kommt die ultracoole Irin Caitlin ins Spiel. Mit engelsgleicher Stimme verzaubert sie mit der schottischen Ballade von Robert Burns “A red red rose” und rettet die Party:

Till a’ the seas gang dry, my dear,

And the rocks melt wi’ the sun:

I will luve thee still, my dear,

While the sands o’ life shall run.

Doch die Idylle währt nicht lang, und eher, als Michael und Thor überhaupt denken können, sind sie schon auf der Flucht und on the road, oder eher ”on the boat”, auf nicht ganz legale Weise "organisiert” natürlich von der toughen Caitlin.

Der road movie legt los, mit Visionen, Abenteuern, Abweisungen und Erfüllungen.

Photo : Trailer Moon Dogs

Der walisische Regisseur Philip John fühlte sich durch dieses Script (von Raymond Friel und Derek Boyle) angesprochen, weil er sich selbst in seiner Jugend in diesen beiden Brüdern wieder erkannte, wie er einerseits seinem eigenen Weg stur folgte, seine Musik machte in seinem Sound-Schuppen, aber sich in manchen Momenten auch eher “nutzlos wie Michael” fühlte.

Die Einfügung von Caitlin in das Drehbuch kommt von ihm. Philip John äusserte in mehreren Interviews, dass die Figur inspiriert sei von seiner eigenen Erfahrung mit einem realen Mädchen in seiner Jugend, auf einer Reise, in einem Liebes-Dreieck mit einem seiner besten Freunde. “She was crazy”, bemerkt er trocken.

Die Dynamik in diesem Roadmovie entsteht nicht allein durch die Action - ob Boot oder Motorrad oder Hitchhiking, das ist nur Nebensache - sondern die eigentliche Spannung entsteht zwischen den drei Persönlichkeiten.

Photo : Trailer Moon Dogs

Keltischer Humor

Die Unterschiedlichkeit der Stiefbrüder bringt viele Lacher. Quasselstrippe trifft auf Wand. Je mehr Thor schweigt, desto mehr labert sich Michael um Kopf und Kragen und man denkt nur, oh, stop, um Himmels Willen!

Der Film vermittelt auch mit Hilfe dieses Humors einige der Alltagsrealitäten in Schottland. Es ist keine sentimentale Version von Schottland aus dem Reisekatalog. Es geht eher um das Feeling, und auch um den Stolz darauf, was es heute bedeutet, in Schottland zu leben.

In diesem Feeling erinnert mich der Film manchmal an den Film "Local Hero", wo der Regisseur Bill Forsyth es zustande bringt, durch "underplay" die schottischen Charaktere sie selbst sein zu lassen. Je reduzierter und trockener, desto komischer. 

Manches hat sich seit "Local Hero" noch nicht verändert - wie in den 80ern sind viele Leute in den einsamen Regionen von Schottland dazu gezwungen, mehrere und/oder seltsame Nebenjobs zu haben. Es ist kein heiteres Leben, das Michael in der Fischfabrik in den Shetland-Inseln führt

Eine weitere Alltagsrealität: Es ist kalt Schottland. Der Film handelt im Winter. Es ist auch nicht lustig, wenn man im Januar ins Meer stürzt, weil man seinen Bruder retten will, und dabei sowohl sein Handy ruiniert als auch seine Abschlussprüfung, weil man halb erfroren vom Stuhl fällt.

Photos : Trailer Moon Dogs

Auch die rasend komische Skype-Szene bietet nebenbei einen Einblick in das schottische Alltagsleben.

Die Möglichkeiten des Internets sind natürlich sehr begehrt im Alltag am Ende der Welt (in Local Hero 1983 war dies Objekt der Begierde noch die rote Telefonzelle am Meer!).

Doch trotz Skype wird Michael von der grossen weiten Welt abgehängt. Es ist kein heiteres Leben in den Shetlands, wenn man per Skype auf dem Küchenfussboden WG der "Vielleicht-Noch-Freundin" in der Metropole Glasgow abgestellt wird

(Hey, lasst mich nicht hier STEHEN!!!!)

Der Humor ist wild, bizarr, krass. Was macht diesen Humor so “anders”? Ich hatte Gelegenheit auf dem Newport Beach Film Festival, die  Produzentin des Films danach zu fragen, Kathy Spears aus Wales. Sie erklärt:

"Dieser spezielle Humor ist eine keltische Sache. Walisische, schottische irische Leute haben eine Sensibilität, eine Erfahrung von Pessimismus und Verfolgung, aus der dieser Humor entsteht. In unserem Film haben wir immer darauf geachtet, dass der Humor ausschliesslich aus den Charakteren heraus entsteht, so dass der Humor sehr realistisch ist. Wir wollten nicht, dass Humor etwas von “Gags” haben, die nur aus den Situationen heraus entstehen."

Twin Sheep

Scottish sheep. Photo: Marcel H. DeCruyenaere

Wer will ich sein?

Michael tut zu oft, was andere von ihm wollen, und Thor tut dies zu selten.

In den “Schwächen” der Brüder liegt zugleich auch das Potential ihrer Stärken.

Thor in seiner Über-Fokussiertheit auf eigene Interessen zeigt, was es heisst, sein eigenes Ding zu machen und alle kritischen Gegenkräfte an sich abprallen zu lassen.

Michael spricht zwar zu viel, aber er macht zumindest den Mund auf und sagt oft gerade heraus und ungefiltert die Dinge heraus, wie sie eben sind.

Diese beiden ungleichen Brüder sind wie zwei Seelen in der einen Brust, zwei widerstreitende Lebensentwürfe:

Will ich cool sein oder nett?

Verschlossen oder zugänglich?

Mache ich mein eigenes Ding, oder passe ich mich an?

Tara Lee. Photos : Trailer Moon Dogs

Die Rebellin

Caitlin hat die Synthese der Lebensentwürfe natürlich voll drauf, die Balance und das genaue Timing von Reden und Handeln.

Funktioniert Caitlin in dem Film womöglich als ein sogenanntes “Manic Pixel Dream Girl”, eine mythologische Gestalt ohne Eigenleben, nur dazu da, den männlichen Protagonisten zu ihren Abenteuern und Mysterien zu verhelfen?

Das mögen einige Männer wohl denken, die ihr begegnen. Doch ich vermute, sie ist sich dessen bewusst (wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur du denkst....) und lässt die Mäner in diesem Glauben, denn dies ist ihre ideale Tarnung.

Während die Männer sie als Objekt der Begierde und Muse betrachten, verfolgt sie ihre eigenen Ziele, sie ist Autorin ihres eigenen Lebens. So werden die Männer immer gerade dann von ihr vor den Kopf geschlagen, wenn sie es am wenigsten erwarten.

Die Jungs nimmt sie mit, weil sie eine Band braucht. Sie will letztendlich vor allem eines: Auf dem Festival Celtic Connection singen. Sie sieht nicht ihr Lebensziel darin, Männern zu ihrer Selbstverwirklichung zu verhelfen.

Dennoch lernen Michael und Thor sehr viel von ihr.

Doch irgendwie fehlt mir bei Caitlin etwas,  wie ein letztes Puzzle-Teil, und zwar:

Was motiviert sie letztendlich in ihrer Lebenshaltung?

Beabsichtigt der Film, dass dies nie gesagt wird, damit sie mysteriös und undurchdringlich bleibt?

Ich komme der Antwort auf die Spur in einem Kommentar, den der Regisseur Philipp John in einem Interview beim Filmfestival in Warschau gibt: Das fehlende Puzzleteil wurde herausgeschnitten.

Caitlin "“wird zu einem Objekt der Begierde. Aber da steckt viel mehr in diesem Charakter. In dem Script hatte sie sehr viel mehr zu sagen, sie war viel politischer. So war konzipiert als diese dreidimensionale Person, die über Kapitalismus und Korruption redet und darüber, wie die Regierung ihre Bürger/innen enttäuscht. Sie war fantastisch, und es ist so schade, dass diese Dinge herausgeschnitten wurden (…) Aber ich glaube wirklich daran, was sie sagt. Vielleicht bin ich demnach naiv.”

(meine Übersetzung aus dem Interview von  Natalie Movshovych am 21. 10. 2016  mit Director Philip John auf dem 32. Warschauer Filmfestivalauf dem Filmfestival in Warschau für Cineuropa)

Wie Tara Lee selbst ihre Rolle interpretiert

In einem Interview des Edinburgh International Film Festival sagte Tara Lee über ihre Rolle als Caitlin:

“Ich habe es aus einer weiblichen Perspektive betrachten. Sie tut Dinge, über die viele Leute die Stirn runzeln, und sie ist eine Anarchistin. Das mag nicht der Art und Weise sein, wie ich Dinge tun würde, aber sie hat etwas an sich, das ist so stark, so stürmisch, und frei. Sie hat mich wirklich inspiriert, nach dem Film war ich nicht mehr dieselbe. Ich hatte sie noch etwa 6 Monate lang dauernd in meinem Kopf.”(meine Übersetzung)

In einem Interview auf dem British Filmfestival in Dinard erzählte Tara:

“Es ist ein Film über moderne Rebellion. Nicht die Rebellion von Drogen, in der man den Verstand verliert, sondern den Mut haben, man selbst zu sein, politisch bewusst zu sein, auch wenn man nicht immer richtig darin liegt, aber zumindest Interesse daran zu haben, und den Mut haben, den eigenen Träumen zu folgen, und sich ernsthaft zu verlieben!” (meine Übersetzung)


Kilt of Saor Patrol

Photo : Annerose DeCruyenaere (Band Saor Patrol)

Celtic Casting

So hat der Regisseur Philip John in Tara Lee die richtige Person gefunden für seine rebellische Botschaft. Er erzählt im Interview auf dem British Filmfestival in Dinard (s.o.) über das  Casting in Irland:

“Sie war so dreist und frech, sie war wie eine Debbie Harry, PERFEKT! Genau danach haben wir gesucht! Und sie hatte die wunderschönste Stimme.”

“Casting ist alles”, betont Philip John wiederholt in seinen Interviews. Er sucht nach Darstellern, welche die Charaktere auf natürliche Art verkörpern.  “Jeder unserer Charaktere ist jeweils in sie eingekapselt, sie SIND diese Leute… nun, natürlich nicht komplett… “ ( auf dem Filmfestival in Dinard, meine Übersetzung).

Der Waliser Jack sagt über seine Rolle in einem Interview mit Euradio Nantes: “Das bin ich mit 19!” Seine Verkörperung von Michael brachte ihm nun den “Best Actor” Filmpreis auf dem Newport Beach Film Festival. Über Christy sagt er: “Er ist wie Thor: Wenn Du Christy ein Instrument hinwirfst, spielt er es und nach einer Nacht hat er es drauf. Er ist unglaublich, it makes me sick. Er ist ein Musik-Genie!”

Als Christy selbst im "Question & Answer" in Newport Beach nach seiner Musikalität gefragt wird, spielte er es charmant herunter: “Ich spiele vor allem Akkordeon, so hatte ich Glück, dass ich das draufhatte, es ist ziemlich schwierig, und dann lernte ich noch Dudelsack, und ich spiele etwas Klavier, ich bin so eine Art Musiker, probiere vieles aus, Musik ist so etwas wie meine erste Liebe.”

Während die Hauptrollen mit jungen Newcomers besetzt sind, findet man in den Nebenrollen manche alten Hasen wieder. Was allen gemeinsam ist: Sie sind tief mit der keltischen Lebenswelt und Kulturwelt verwoben. Und manche Besetzungen enthalten eine feine Ironie...

Denis Lawson, der einen Cameo Auftritt hat als neuer Ehemann von Thor’s leiblicher Mutter, in der sie ihren Sohn ablehnt, spielte in Local Hero eine Hauptrolle, den Kneipenwirt Gordon Urquhart. Das schottische Kino zitiert sich selbst.

Der konservative Gegenspieler Davy (Boss der Fischfabrik und der Band "Fiddle Up") wird verkörpert durch Alt-Punkrocker und Polit-Aktivist Tam Dean Burn. Der hatte übrigens auch eine Nebenrolle in "Local Hero".

Maurice, der Vater von Thor, der seine Wikinger-Gewandung so sehr liebt, aber von seinem eigenen Sohn nicht ernst genommen wird, wird verkörpert durch Jamie Sivers, u.a. Held aus "Games of Thrones" (Jory Cassel) und Hauptdarsteller in "King James III" im National Theatre of Scotland.

 TV-Serienstar Kate Bracken (Suzy) ist in Spean Bridge aufgewachsen, ein kleiner schottischer Ort mit grosser schottischer Geschichte (Jacobites!).

Theater- und Filmschauspielerin Claire Cage ist aus Wales.

Shauna MacDonald (die wütende Braut) aus Edinburgh - deren Erfahrung in erfolgreichen Horror-TV-Serien ihr offensichtlich den richtigen Biss gaben für diese Rolle.

Niall Greig Fulton gibt den Drogendealer-Bösewicht, neben der Schauspielerei engagiert er sich für das Edinburgh International Film Festival.

It’s all connected, und letztendlich ist wohl alles keltisch.

Der Film, so Producerin Kathy Spears, hat 704 000 Pfund gekostet. Gefördert von Creative Scotland, the Irish Film Board and Ffilm Cymru in Wales.

Philip John betonte auf dem British (!) Filmfestival in Dinard mehrmals:

"Dieser Film ist ein Film der “Celtic Nations” Wales, Irland und Schottland."

“It has nothing, NOTHING to do with England!"

Ay.

Photo : Trailer Moon Dogs

DIY Punk

Der Film bewegt sich von einem Musiker-Setting ins nächste, in der Bandbreite der keltischen Musikszene: Von dem Jugendzimmer/Soundstudio  in den Pub mit den Fiddlern, zur Hochzeitsgesellschaft mit Folklore, zum klassischen Musikunterricht in Glasgow (bei der missglückten Begegnung Thor’s mit seiner Mutter, wobei Thor aus Frust eine Geige zertrümmert) zum grossen Ziel: Das grosse Winter-Musikfestival Celtic Connections in Glasgow, wo Thor, Caitlin und sogar Michael ihren musikalischen Durchbruch finden.

Und schliesslich zurüch zu den Wurzeln des Up Helly Aa mit Trommeln und Dudelsäcken.

Musik ist das Herz keltischer Kultur - wie sonst soll man die mystische Weite zum Ausdruck bringen, und was soll man auch sonst machen in dieser einsamen Landschaft, ausser Dudelsack spielen auf den Hügeln, Harfe am Strand oder Fidel, Flöte und Akkordeon im Pub?

Thor verwendet im Film die  klassischen Instrumente ganz neu und mischt sie neu ab.  Willkommen in der Welt des psychedelic Folk und des rebellischen keltischen DIY Punk.!

“Nicht das Fashion statement, dass die meisten Leute mit Punk verwechseln. Hier wird Rebellion gefeiert, die Antidote zum Konservativen, Spiessigen und Stumpfsinnigen. Die Filmmusik bringt traditionelle Instrumente in einer wirklich rebellischen “outsider” Rockn-Roll Ausdrucksweise!”

( Philip John auf der Website von ff film Cimru Wales, meine Übersetzung)

Der Director Philip John selbst war Punk Rocker, bevor er Filmemacher wurde. Er spielte DIY Punk in der Band Reptile Ranch. Er gründete Z-Block records, ein Non-Profit Kollektiv für DIY Bands, und ein Musiker-Kollektiv in einem Grassroot Café in Cardiff.

Der Regisseur suchte nach einen Soundtrack, der die musikalische Genialität von Thor zum Ausdruck bringt.

Konkret: Philip John wollte Anton Newcombe von den “Brian Jonestown Massacre” für den gesamten Soundtrack. Keinen Anderen. “Ohne seinen Soundtrack hätte ich den Film nicht gemacht”. Während die Musik von Anton Newcombe schon in vielen Filmen verwendet wurde, ist dies der erste und einzige Film, für den Newcombe den gesamten Soundtrack komponiert hat.

Und es ist nicht nur die Musik von Newcombe, sondern auch dessen Persönlichkeit, die er als Inspiration sieht. Er ist fasziniert von der Doku "Dig! (2004) über Anton Newcombe, seine Band "Brian Jonestown Massacre" und die stürmische Beziehung zur Konkurrenz-Band "The Dandy Warhols"

Was Thor  mit Anton Newcombe wohl teilt, ist der unerschütterliche Glaube, das WISSEN um die eigene musikalische Genialität, wie es in der Docu "Dig! deutlich wird.

Als Caitlin auf der Hochzeit die Folk-Ballade "Red Red Rose singt, bewirkt ihre Stimme und die  keltische Melodie eine Magie, die böse Geister austreiben kann, die Frieden stiftet auf einer desaströsen Hochzeitfeier. Diese irische Ballade hat ihren Ursprung in der schottischen Ballade “The Bonnie Banks O Loch Lomond” - auch hier wieder eine "celtic connection".

Es sind diese Art keltischer Melodien, welche die keltische Leidenschaft für Musik inspirieren  - und die weitergeführt werden, etwa im psychedelic Folk, und, ja, der Film zeigt es: Sogar im DIY Punk.

Nur Michael ist kein Musiker im Film, er darf nur deshalb in der Band sein, weil er den Knopf am Computer für Thor’s Soundmix drückt. Seine erste kühne Rebellion ist der verzweifelte Raub eines bunten Spielzeug-Keybords aus einem Second-Hand-Laden, immerhin ein Anfang. Viel dringender, als eine Freundin zu finden, sollte er wohl sein Instrument finden, um in Schottland glücklich zu werden.

Wenn Musik  und die atemberaubende keltische Landschaften zusammentreffen, geschehen die magic moments. Die Cinematography von Alasdair Walker sieht grossartig aus, auch mit dem begrenzen Budget (Gefilmt hat er mit der Arri Alexa, und an einigen Tagen mit der Red).

Auch wenn der rebellische Monolog von Caitlin herausgeschnitten wurde, der rebellische Spirit ist tief in den Film hineingewoben, die Schauspieler/innen inkarnieren die Rebellion, und alle Sinne nehmen den Spirit auf, im Sound von Folk & DIY Punk wie im Sound der Sprachmelodien und im Betrachten der Landschaft. Vielleicht ist diese sinnliche Umsetzung sogar noch viel wirksamer als ein politisches Manifest in Worten.

Photo: Von der offiziellen Website des Up Helly Aa www.uphellyaa.org

Up Helly Aa

Der Film beginnt und endet mit dem "Up Helly Aa". Die Filmaufnahmen sind von dem wirklichen Festival, das in der letzten Januarwoche stattfindet in der Stadt Lerwick, und das Ende des Winters feiert. Väter und Söhne aus den Shetlands versammeln sich hier, gekleidet in Wikinger-Gewandung, mit riesigen Fackeln, um ein Galeerenschiff zu erbauen und dieses im Meer zu verbrennen.

Diese Szene wurde übrigens bereits gedreht, bevor die Filmdreharbeiten begannen, denn es war klar, dies soll Anfangs - und Endpunkt des Unternehmen sein.

Vater und Sohn finden neu zusammen, um den Verlust der Frau/Mutter gemeinsam zu überwinden. Und auch die Brüder finden neu zusammen, womit Michael auch den Verlust seiner beiden Beinahe-Freundinnen überwindet. Um beziehungsfähig zu sein, müssen sich Männer erst einmal untereinander versöhnen.

Ein Finale auf der mystischen keltischen Ebene, back to the roots, um wieder vorwärts zu kommen.

Christy O'Donnell. Photo : Trailer Moon Dogs

Nach diesem Film begegne ich Foyer des Island Cinema auf dem Newport Beach Film Festival dem  introvertierten Thor.

Er lächelt mich an: “I love your ring!”

Ich schaue erstaunt auf meinen grossen Bernsteinring in Silberfassung, als sehe ich ihn zum ersten Mal.

“It’s from my mum, the ring has a story!”

“It looks very Celtic. I LOVE it!”

Es macht Spass, den eben noch so verschlossenen Thor auf der Leinwand nun als diesen extrovertierten Christy zu erleben. Enthusiastisch erzählt er:

“Hier auf dem Festival sind alle so lässig und freundlich, sie kümmern sich so gut um uns, ich rede mit allen, Oh, ich LIEBE es!”

“Wie hast Du das gemacht, diese Identifizierung mit Thor?” Frage ich ihn.

“Ich habe ich den Charakter gegründet nach dem Vorbild von einem meiner Lehrer von früher, der hatte so eine spezielle Art des Blicks, ein starrender Blick. Er sah eine Person nach der Anderen mit diesem Blick an, und es war so, als ob er Dir in die Seele blickt, dieses intensive Starren. Er war ein grossartiger Lehrer. Und er hatte eine ganz spezielle Gangart…”

Christy führt die Gangart im Foyer vor, seine Arme starr, in einer speziellen seltsamen, introvertierten angespannten Weise.

"Und dann hat mich Anton Newcombe für mein Rolle sehr inspiriert, ich habe meinen Character Thor auch etwas an ihm orientiert. Er ist ein echter Charakter, sehr interessant, exzentrisch, sehr anders. Er ist ein Genie, er ist fantastisch!”

Wir begegneten Christy noch einige Male auf dem Festival, und er bezaubert die Kalifornier/innen mit seiner Offenheit, Herzlichkeit und Begeisterung.

Newport Beach Film Festival. Photo : Annerose DeCruyenaere

Wenn der rote Teppich zusammengerollt wird

Wir stehen weit nach Mitternacht vor dem Designer - Möbel und Lampenladen, der als hippe location diente für die Party.

Der rote Teppich wurde gerade zusammengerollt, ein Zeichen, dass die Party nun wohl wirklich zu Ende ist...

Aber nicht, wenn man auf zwei Schotten trifft. Wir begegnen Christy wieder, mit Screenwriter Raymond Friel. Aus seinem Gehirn kommen also viele der bizarren Szenen in dem Film...

Und so wird es noch sehr lustig, und  bevor wir auseinander gehen, lauschen wir um 2 Uhr morgens der rebellischen Rede von Christy über die Freiheit von Schottland:

"Wir haben Whisky, Kohle, Dudelsäcke, Schottland ist the place to be, alles Negative, was Du über Schotland hörst, ist Propaganda von England! Trust me, Schottland ist ein grossartiger Ort, wir haben Schafe, und so eine wunderbare Landschaft und Natur. Wir haben FREIHEIT! Du kannst ein Filmemacher sein, ein Model ein Musiker, oder auch a frigging Transvestit, Du kannst alles machen, was Du willst, alles sein, was Du willst, Mann! Die Leute in Schottland verurteilen niemanden, wir sind so offen!"

Seine Sprachmelodie klingt wie Musik, und wenn er redet, habe ich das Gefühl, im Hintergrund das Meer rauschen und die Möwen kreischen zu hören. Ich kann nicht umhin, mir eine musikalische Untermalung dieser Rede vorzustellen, wie in einem Film. Ich höre die  die Melodie von "Coming home" aus “Local Hero” mit Dudelsack und irischer Flöte. In einer Version von DIY Punk.

Annerose DeCruyenaere

Newport Beach Film Festival 2017

Newport Beach Film Festival 2017. Photos:  Marcel & Annerose DeCruyenaere

Christy O'Donnell macht Strassenmusik mit Folk-Legende Dougie McLean, Songwriter der Hymne "Caledonia"

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